Green Writing
Diese BLOG-BEITRÄGE widme ich seit circa zwei Jahren einem Thema: Der Arbeit des kreativen Schreibens, speziell der Frage: «Wie entsteht ein Roman?» Heute veröffentliche ich den Blog als eine Brief-Postkarte aus meinen Ferien im Unterengadin (CH).
Seit Monaten lebte ich mit der Vorfreude auf den dreiwöchigen Aufenthalt im Hochgebirge.
Die Bergkraft ist für mich jedes Mal überraschend stark, auch diesmal. Stunden in der kargen Felsenlandschaft der Alpen, das wiederholte Überschreiten der «Baumgrenze», die Farben, der weite Himmel – in den ersten Tagen entsteht langsam ein Gefühl der Stärke, des Genährt-Werdens, des Zuhause-Seins und der Bodenhaftung.
Ich bewege mich hier viel und oft auch an meinen körperlichen Grenzen, ermüde mich, entspanne, ruhe. Mit offenen Sinnen begegne ich den Felsen, dem Bergwasser, den Tieren der Bergwelt, sogar den Berg-Hühnern oder der Herde Alpgeissen, deren Käse wir seit zwei Wochen essen.
Mit Sicht durch das Fenster auf Felsengipfel und grüne Almen, Lärchenwälder und nasses Gestein lese ich mich in Regenstunden durch Material, das ich «schon lange lesen wollte». Ein Buch über Bäume als Klimaretter war dabei, das mich sehr nachdenklich gestimmt hat und auch eines meiner Kernthemen der Roman-Trilogie betrifft: «Was ist Wildnis?».
Ich lese viel, auch unerwartetes: In der «Engadiner Post» etwa einen Artikel über das Treffen des «World Ethic Forum» (wef) in Pontresina. Neue Eindrücke bringen mich auf neue Spuren, spielerisch folge ich nach, recherchiere, lese weiter.
Dann folgen Tage, an denen ich meist draussen bin, und, ohne viel zu denken, meditatives Gehen übe, viel Sonnenschutz auftrage und meinen Durst mit wildem Bergwasser stille. Müßiggang wechselt sich ab mit anstrengenden Bergtouren und mit langen morgendlichen Meditations-Sitzungen in unserer kleinen Familiengruppe.
Stunden der Ruhe nutze ich für Recherchen im Internet, zum Beispiel über den «Naturbegriff», oder «Bäume» und auch «neue philosophische Richtungen/Trends». Erstaunlich für mich war eine Erkenntnis über mein Schreiben, die ich in der letzten Woche hatte: Was ich seit 2015 publiziere gehört, so lernte ich, eindeutig in die wiederbelebte philosophisch-literarische Richtung des «Green Writing». Als ich mich allerdings genauer mit dieser «neuen Strömung» beschäftigte, fand ich nichts, was nicht schon sein Jahrzehnten Teil meines Lebens und Schreibens war: Es scheint sich um ein neues Etikett für alte und neue Schriften (& Kurse) zu handeln. Doch dahinter steht wohl eine tiefe Sehnsucht nach Ganzheit, die wir alle, mehr denn je, jetzt, erleben.
In der kleinen Buchhandlung/libreria «poesia clozza» in Scuol fand ich vor einigen Tagen ein schmales Taschenbuch, eine schöne Übersetzung. «Vom Wandern» ist der Titel des Essays, von H.D.Thoreau. Ich habe gestern Abend damit begonnen in einem kleinen Kreis von Menschen ein Buch vorzulesen, das mich bewegt. Das war eine wärmende und nährende Erfahrung von Gemeinschaft, wieder.
H.D. Thoreaus «Walden» habe ich 1975 im englischen Original gelesen. Thoreau war einer jener Autoren, die die mich in meiner Zeit nach der Film-Akamedie, als ich auf der Suche nach meinen eigenen Geschichten war, sehr stark beeinflusste, zusammen mit P.P. Passolini, A. Artaud, I. Bachmann, P. Celan und vielen anderen. Nach dem Studium an der dffb in Berlin lebte ich im Waldviertel (A) auf einem gemieteten Bauernhof, lernte von einer alten Bäuerin das Wolle-Spinnen, legte einen Gemüsegarten an, während ich gleichzeitig meinen ersten grösseren Dokumentarfilm plante und Mutter einer kleinen Tochter wurde. Das war Ende der 1970er Jahre.
Als ich 2013 die Trilogie «Der Pilgerweg heim» zu schreiben begann, war deshalb der Name der Bahnstation am Grünen See «Walden» – als meine Hommage an Thoreau und auch R.W. Emerson. Die Themen Wildnis, Liebe und Natur – und ihre Grenzen – waren und sind die zentralen Themen der Roman-Trilogie. Kurz bevor ich in die Ferien gefahren war, hatte ich entschieden, den dritten Teil der Trilogie, der beinahe fertig war, radikal umzuschreiben. Aufgrund der politischen Ereignisse hatte ich auch den Titel geändert, von «Freundschaft Genossin» in «Das Buch der Liebe». Im Mittelpunkt der Erzählung steht eine Gruppe von Menschen, die eine schönere Welt erschaffen wollen, eine, die ihre Herzen eigentlich kennen. Die Elemente der Natur, aus welchen unser Planet, aber auch die natürlichen Phänomene, wie wir sie wahrnehmen, zusammengesetzt sind, geben den Rhythmus vor: Wasser, Luft, Erde, Feuer und – der weite Raum.
Die Ferien in den Bergen sind für mich eine willkommene Unterbrechung der literarischen Arbeit, aber auch ein Moment des Innehaltens und Lauschens – auf das, was wir «Natur» nennen. Die Bergwelt, in der ich mich bewege, wirkt sehr heilsam auf mich.
Doch: Kann unsere «natürlich Umwelt» sich selbst heilen? Kann sie uns Menschen helfen, die extremen Wunden, die wir uns als Kollektiv, als Menschheit, in den letzten 500 Jahren geschlagen haben zu heilen? Wo kippt dieser Wunsch in Wunschdenken? Wo kippt unsere Vorstellung von «Natur» in unheilvolle Fantasien von «Natürlichkeit»?
Werde ich auch für diese neu begonnene Arbeit am dritten Teil jenen Medizin-Beutel schnüren können, den ich zum Schreiben brauche? Denn nur so, davon bin ich überzeugt, kann ein wirklich transformierender Prozess im Leser, in der Leserin stattfinden. Damit «Das Buch der Liebe» nicht nur ein weiteres Buch wird, ein Stück Konsum-Kultur.
13.09.2022