Text-Proben
Es war an einem kalten Wochenende. Da hatte ich diese sehr gute Idee. Vielleicht war es beim Spazierengehen. Plötzlich bewegte sich die Geschichte, an der ich schon seit drei Jahren arbeite. Sie hatte mit dieser Eingebung einen stabilen Rahmen, der für die großen Emotionen gefehlt hatte. Was für «große Emotionen»?
Es war das erste Mal, dass ich mich an die etwas altmodische Erzählform – die Novelle – heranpirschte. «Der Bonsai» ist die Geschichte vom Tod eines alten Mannes, erzählt von Gion, dessen Sohn. John/Gion ist eine Nebenfigur im ersten Teil der Trilogie „Der Pilgerweg heim“, die 2015 erschienen ist.
Die rettende Idee war: Zwei Menschen sind auf einer langen Gebirgs-Wanderung (Himalaya, Alpen?), werden von ungewöhnlich heftigem Wetter überrascht, nehmen Zuflucht in einer Herberge, bleiben dort einen Tag und zwei Nächte und reden. Das ist nicht wirklich ein neuer Plot. Und: während es stürmt und schneit und eisregnet, erzählt der eine – Gion – dem Freund und Weggefährten Ludwig die Geschichte vom Leben und Tod seines Vaters, von den Monaten in denen er ihn begleitete, von sich, von dem (nun selbst schon grauhaarigen) Kind, dass er dem Vater war.
Es ist eine alte Geschichte. Einem Traum gleich sollte engmaschig und in kurzer Zeit erzählt werden.
Als ich anfing, Textproben aus den bereits bestehenden Kapiteln von «Bonsai» herauszukopieren, sie neu zusammenfügte, mit neuem Text verband, vor allem mit Dialog und dann las, wurde ich unsicher. Es war nicht nur, dass es sehr viel mehr Mehr-Arbeit ergab, die bereits bestehenden Texte in eine – wenn auch lose – Dialogform zu bringen.
Auf diesen ersten zehn Probeseiten wurde mir noch etwas anderes klar:
Wenn ein Mensch einem anderen erzählt, wird vieles nicht gesagt. „Man erwähnt nicht alles.“ Und das, was dem anderen nicht zugemutet und nicht erzählt werden wird, könnte schon auch interessant sein. Das Ausgelassene könnte durchscheinen, hervorquellen.
«Bonsai» ist wieder eine Geschichte über Grenzen und über das ‚darüber Hinausgehen’. Diesmal ist es die «Grenze des Todes». Es ist auch eine Geschichte des Verschwiegenen, des Schweigens, das überlebt werden kann.
Heute bin ich, nach einigen Tagen der Arbeit und des Spielens damit, wieder von der neuen Idee abgekommen. Doch die verworfenen Seiten, die Tage des Irregehens sind nicht verlorene Zeit. Sie bereichern unsichtbar die Geschichte die nun weitergeht, reicher in jedem Fall.
08.04.2018