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Freundschaft und andere Wörter

22.08.2024 Allgemein, Literatur Keine Kommentare

Freundschaft Genossin! ist eine abstrakte Skulptur aus Wörtern und Leerschlägen. Nun liegt sie fest in einem Objekt, dem Buch. Wenn nicht jemand dieses Buch aufschlägt und zu lesen beginnt, ist diese Klang-Skulptur verschwunden, sind die Satzzeichen ohne Bedeutung, ist das Erzählte ein lebloser Traum, gedruckt auf Papier. Erst durch das Lesen entsteht das Leben der Zeichen.

Das neue Buch ist eine Liebeserklärung an die Welten-Träumer dieser Erde. Oder: Ein Gebilde aus Ideen, Ängsten, Glück, Wunsch & Sehnsucht, verwoben mit spiegelgleicher Realität?

Während das neue Buch seine Wege in die Welt findet und der Sommer langsam vergeht, hole ich Bücher aus einem Regal in meinem Büro, lege sie auf den Schreibtisch, sortiere. Welche Bücher von denen, die meine Arbeit an Freundschaft! beeinflusst haben, stelle ich ins Regal zurück? Welche bringe ich weg?

Hier unten sind Abbilder nur einiger der Bücher, die mich beim Schreiben von Freundschaft! besonders genährt haben und die bleiben. Andere werden bleiben, weil ich sie schon lange besitze und sie Teil meines Lebenstraums geworden sind.

 

 

 

Inter-Being

27.12.2021 Allgemein Keine Kommentare

Zutiefst miteinander verwoben sein

Der Begriff «Interbeing», ist ein neuer und komplexer Fachbegriff. Ursprünglich vom vietnamesischen Mönch und späterem Friedensnobel-Preisträger Thich Nhat Hanh geprägt, oder «erschaffen» wird dieser Begriff mittlerweile breit gestreut in Philosophie, Ökologie, Ökonomie und Tiefenökologie und deren Mischgebieten verwendet.  Die von Thich Nhat Hanh in den Neunzehnhundertsechzigerjahren während des Vietnamkrieges ins Leben gerufene Bewegung nannte er «Order of Interbeing», deutsch: «Orden des Inter-Seins».  Es geht dabei um «Engaged Buddhism», also «Buddhismus, der eingreift».  Schon öfter habe ich mich gefragt, warum dieser Begriff so populär geworden ist, obwohl nicht sehr klar scheint, was er eigentlich bedeutet. Denn eigentlich mischt sich Buddhismus nicht ein.

In diesem BLOG-Beitrag will ich Einblick geben in die Art, wie meine tägliche Arbeit als Kunstschaffende vor sich geht, wenn ich gerade nicht schreibe. Denn ich lese und studiere fast täglich einige Stunden. Für mich ist «ständiges Weiterlernen» so wichtig wie meine Nahrung. Zum Schreiben gehört für mich das Lesen. Ich lese sehr viel über Philosophie, Buddhismus, Ökologie. Der Begriff «Interbeing» tauchte in den vergangenen Jahren vielerorts auf. Ich finde ihn in der ökologischen Ökonomie des Charles Eisenstein ebenso wie in der «Tiefenökologie» bei Joanna Macey, in philosophischen Essays und bei Ankündigungen von Achtsamkeits- oder Meditations-Retreats.

Der Begriff «Interbeing» begleitet mich seit Jahrzehnten. Er ist sicherlich durch die wissenschaftliche Erklärung der «Systemtheorie» erweitert und dadurch bekannter geworden.

Ich hatte das Glück beim Umzug von «garudabooks», der Buchhandlung meines Mannes, in der Abteilung für alte Bücher, eine erste englischsprachige Fassung der Statuten und Grundlagen für den «Order of Interbeing» zu finden. So konnte ich mir ein direktes Bild davon machen, wie der Zen-Meister Thich Nhat Hanh diesen Begriff ursprünglich verwendete und was er genau damit meint. Als ich das Buch in mein Büro mitnahm und darin las, machte ich mir für meinen Ordner «Material für Freundschaft Genossin» Notizen und Exzerpte. Dabei kam mir die Idee, Teile davon in diesem Blog zu veröffentlichen. Für diejenigen, die mehr über meine Arbeit erfahren wollen ist das sicherlich ebenso interessant wie für jene, die sich für das Konzept, den Begriff «Interbeing» interessieren. Deshalb beschreibe ich kurz, was dieser Begriff «Interbeing» alles zu bieten hat. Es sind Auszüge aus dem ersten Kapitel dieses Buches «The meaning of tiep hien»

Tiep hien ist ein vietnamesischer buddhistischer Begriff, für den es scheinbar keine andere Übersetzung in westliche Sprachen gab als «Interbeing». Er besteht aus tiep, was soviel wie «in Kontakt oder Berührung sein mit» bedeutet, und auch: «fortsetzen». Der Begriff hien kann als «Erkenntnis» oder auch «etwas jetzt hier tun» übersetzt werden.

Das, womit wir «in Kontakt sein» sollten, ist die Realität, lese ich in der Beschreibung des Autors über seine Wahl der Übersetzung und der Begriffe. Und zwar im Kontakt mit der Realität der Welt und der Realität unseres Geistes. Wer sich dieser Realität bewusst ist und in Verbindung steht mit den Prozessen, die sich innerlich auf unserer geistigen Ebene abspielen, kommt früher oder später in Berührung mit dem was wir unsere wahre geistige Fähigkeit nennen könnten, «True Mind» in der englischen Version der Übersetzung. Zu viele Menschen, so heisst es, unterscheiden zwischen einer inneren Welt des eigenen Geistes und der Welt «draussen». Doch diese Welten seien keinesfalls getrennt. Mit der Realität der Welt in Kontakt zu sein bedeutet, mit allem, was rund um uns besteht, in Kontakt zu sein, mit Glück und Leiden. Zusammenfassung: «Wenn wir die Welt verstehen, verstehen wir auch unseren Geist. Das wird die «äussere Einheit von Geist und Welt genannt».

Was das Konzept von «Fortsetzung» betrifft, so bedeutet tiep zwei Stricke zusammenzubinden, um daraus ein noch längeres Seil herzustellen. Hier gehe es um die ‘Ausweitung der Laufbahn der Erleuchtung, die mit den ersten Buddhas und Bodhisattvas begonnen hat’.

Hien bedeutet «zu verwirklichen», nicht in der Welt von Doktrinen und Ideen gefangen zu sein, sondern stattdessen Verwirklichung und Mitgefühl als Realität zu leben. Es bedeutet nicht, zuerst zu handeln, sondern zuerst sich selbst zu verändern. Wenn wir Freude und Glück mit anderen teilen wollen, dann ist es notwendig, dass zuerst Freude und Glück in uns selbst entstehen.

«Hier und jetzt tun» ist der vierte der Begriffe, aus denen «Interbeing» ursprünglich besteht. Nur der gegenwärtige Moment steht uns als unsere Realität zur Verfügung. Der Friede, nach dem wir uns sehnen, befindet sich nicht in einer fernen Zukunft, sondern ist etwas, das wir nur im gegenwärtigen Moment verwirklichen können.


 

Quelle: «Interbeing. Fourteen Guidelines for Engaged Buddhism” Thich Nhat Hanh, Parallax Press 1987

 

 

Einfach weg

12.06.2021 Allgemein Keine Kommentare

BLOG ZUM BUCH: «Freundschaft Genossin» ist ein neuer Roman an dem ich schreibe. In diesem BLOG will ich über die Arbeit am Text berichten.

Arbeiten an einem Roman ist Arbeit wie jede andere auch. In den vergangenen Monaten setzte ich mir für die Schreibarbeit täglich einen Zeitbereich von etwa vier Stunden. Für die anderen Arbeiten, zu der beispielsweise auch dieser Blog gehört, oder das Organisieren und Vorbereiten der Kurse, aber auch eine experimentelle Facebook-Seite, die ich mittlerweile wieder still gelegt habe, sowie für Emails gebe ich täglich weitere ein bis drei Stunden her.

Für diesen dritten Teil der Trilogie mit Arbeitstitel «Freundschaft Genossin» habe ich keine Abgabe-Frist. Von mir aus würde ich das Buch Ende 2021 fertig für das Lektorat haben. Das Thema ist aktuell, wie immer experimentiere ich viel, trotzdem möchte ich das Buch gerne bald abschliessen.

Mit einiger Dringlichkeit und Eile schreibe ich heute – offline – diesen neuen Blog-Beitrag für die Entstehungsgeschichte des Romans. Ich werde ihn später ins Internet hochladen. Der erste Beitrag des Monats ist ausgefallen. Warum?

Ich habe meine Arbeit unterbrochen und bin einfach weggefahren. Die während der letzten Covid Pandemie-Wellen lange gewünschten «Ferien», dieser Wunsch «Endlich Tapetenwechsel!» ist Wirklichkeit. Wieder, wie schon im letzten Herbst (siehe Blogbeitrag im September 2020), habe ich mich in eine Hütte ohne Internet und Telefonanschluss zurückgezogen. Diesmal gemeinsam mit meinem Mann. Wir geniessen die Nähe, die uns die kleine Grundfläche der Steinhütte vorgibt – 16m2 unten, 16m2 oben, eine steile Treppe zwischen den beiden Räumen. Viel freier Raum ist in der Natur draussen, das wilde Land eines buddhistischen Zentrums als Nachbar, freundschaftliches Land. Die Wildschweine sind schwarz, das Stachelschwein treffen wir erst gegen Mitternacht, die Rehe bellen, eine helle Eule jagt auch tagsüber, gleitet in geringer Höhe über die grasigen Hügel, die Macchia. Die Schafherde eines Nachbarn, dessen Haus weit weg ist, wird mittlerweile von sechs grosse Hirtenhunden begleitet. Ich beobachte Hunde und Herde fast täglich. Es ist faszinierend wie die Maremmanen scheinbar ohne Kommando die grosse Herde leiten (und schützen).

Eigentlich wollte ich in der vergangenen Woche hier weiterarbeiten. Laptop, Bücher, Notizhefte waren bereit, zwei Bücher zum Lesen waren mitgekommen. Das eine Buch ist «Klima» von Charles Eisenstein, deutsche Version, das zweite «Training in Tenderness» von Dzigar Kongtrul Rinpoche. Während einiger Tage voller Gewitter, Regen und Regenbogen las ich gelegentlich, dabei wurde die Zeit immer langsamer. Eine vertraute, tiefe innere Ruhe erschien und blieb. Einfachheit im hier-Sein bestimmt die Tage, Ambitionen klangen ab wie Zahnschmerzen. Immer weniger kamen innere Kommandos wie: «Müssen, Sollen, Wollen». Stattdessen war ich in einem Raum der Ruhe und auch der Müdigkeit angekommen.

Da erst bemerkte ich, wie auch mir die Unsicherheiten der Covid-19 Pandemie, samt allen Variationen, Kraft gekostet haben. Das Navigieren zwischen öffentlichen und privaten Meinungen, mir Eingestehen, immer wieder, dass ich selbst nicht Bescheid weiss, aber sicherlich keine Sündenböcke benötige, das Recherchieren in Wissenschafts-Reports, die Impf-Entscheidung, das freundliche und bestimmte Wiedersprechen, wenn liebe Bekannte plötzlich in Internet-Echokammern der Paranoia abglitten. Alles das hat offensichtlich mehr Kraft gekostet, als ich eigentlich zur Verfügung hatte. Nun kann ich müde sein.

Manchmal wurde in dieser kurzen und dramatischen Vergangenheit des letzten Winters auch das Schreiben mühevoller. Die Inspiration kam immer wieder zurück, weil in diesem dritten Teil der Roman-Trilogie mein Thema «Unsere gemeinsame neue Welt» ist. Das «Wir» steht im Mittelpunkt dieses dritten Teils. Diese «Neue Welt» gestalte ich im Erzählen, bewusst: «Freundschaft Genossin» ist mein Betrag zum inneren Wachstum aller, auch meiner selbst. Ich erfreue mich an dieser Arbeit, meine Fürsorge und Liebe sprudelt über die Geschichte in meine Mitwelt. Kritik wird pointiert gesetzt, klar, und doch, nebenbei, innerhalb einer Geschichte.

Allerdings hatte ich bei unserer Abreise nicht mit dieser Müdigkeit gerechnet. Ich habe ihr nachgegeben, von ihr gekostet, sie kuriert, ausgeschlafen. Viele der Freunde hier in Italien sind von den mehr als einem Jahr Pandemie sehr mitgenommen. Es hat hier strengere Regeln gegeben, als in der Schweiz, und dramatischere wirtschaftliche Konsequenzen. Ich spüre auch ihre Unsicherheit, ihre Verwandlung, Traurigkeit, wilder Mut?

Langsam kommt die Sonne hervor.

Noch einige Tage hier, im «Parco Naturale» mit dem Dickicht der Gräser und grünen Pflanzen, den wilden Tieren, nachts mit dem Gesang der Nachtigall, dann kehre ich zurück in mein Büro in die Schweiz. Die Arbeit am Roman wird wieder Fahrt aufnehmen. Ich sehe ein grosses Boot mit geblähten Segeln schnell über das Wasser gleiten.

Heute beginnt das Experiment «Freundschaft Genossin»

01.02.2021 Allgemein Keine Kommentare

 

Mission Statement

Im literarisch-experimentellen Projekt «Freundschaft Genossin» will ich wieder auf verschiedenen Ebenen forschen. Wie schon bei der Arbeit an den beiden vorhergegangenen Teilen der Roman-Trilogie «Der Pilgerweg heim» und dem kürzlich erschienenen «Bonsai» beginne ich mit wenigen Vorgaben und beobachte, wie sich der Arbeitsprozess entwickelt. Diesmal will ich mich mehr mit der aktuellen sozio-politischen Situation beschäftigen, in der wir leben. Ich mische mich als Schriftstellerin ins Tagesgeschehen ein. Ausdruck davon ist auch die neu erstellte Facebook Seite «Freundschaft Genossin», die sich aber noch bewähren muss.

Themen, die von Anfang an für mich in diesen dritten Teil der Trilogie gehören, die Antrieb für mein Schreiben sind: Kollektiv, Solidarität, bewusste und unbewusste Verbundenheit verschiedener Generationen, Friedensarbeit.

Buddhistischer Grundlagentexte für diesen dritten Teil sind das Bodhisattvacharyavatara von Shantideva, ein buddhistischer Text aus dem Indien des 6. Jahrhunderts und verschiedene Kommentare dazu.

Bücher die ich für mein neues Projekt studierte sind von der Biologin Lynn Margulis – Evolutionstheorie und Gaia-Theorie, Charles Eisenstein – Ökonomie und neuer Ansatz zur Tiefen-Ökologie und Klimachaos. Verschiedene Bücher/Texte zum Thema Ökologie (vor allem: des Waldes) und über Bakterien habe ich teils schon gelesen, teils sind sie noch auf der Leseliste für die kommenden Monate.

Es geht mir bei dieser neuen Kunst-Arbeit darum zu erkunden, wie wir Menschen des beginnenden 21. Jahrhunderts in der Schweiz unsere tiefen sozialen Bedürfnisse nach Verbundenheit, oder Eingebunden-Sein ins Umfeld und die dazu gehörende innere Freundlichkeit nähren, oder eben nicht.

Übungen aus dem Buddhismus: während der Arbeit an diesem Buch, für den Schreibprozess und als dessen Ergänzung praktiziere intensiver als sonst verschiedene Übungen zum Mitgefühl, das sind eigentliche Grundlagenübungen der Ethik, die ich sowohl in Meditations-Sessions aber vor allem im Alltag vermehrt anwenden will, ebenso wie meine tägliche Dzogchen Praxis.

Pandemie – Politik – Utopie – Liebe

14.01.2021 Allgemein Keine Kommentare

Die BLOGBEITRÄGE über die «Kunst zu leben -Kurse» sind beendet. Ab Februar beginne ich mit einem BLOG-EXPERIMENT: Ich werde die Entstehung des nächsten Buches mehrmals monatlich in BLOG-BEITRÄGEN dokumentieren. Bevor ich mit diesem BLOG in eine neue Phase übertrete, möchte ich mir aber noch einiges von der Leber schreiben:

 

 

«Menschen-Liebe» als Motivation das Schwierige auszuhalten.

Elf Monate haben wir nun Pandemie-Alarm». Diese Pandemie immer noch von den wirtschaftlichen, sozialen und ethischen Bedingungen, in denen sie entstanden ist, abgetrennt zu betrachten führt in Orientierungslosigkeit. Vorübergehende Orientierungslosigkeit und Unsicherheit auszuhalten, gehört zum Repertoire einer stabilen Psyche. Doch nun dauern die schwierigen Zeiten an, sind nicht mehr «eine Krise», sondern immer mehr «etwas Unbekanntes». Ich schaue mich um und nehme Angst, Unsicherheit, Schuldzuweisungen ohne Ende wahr, von Liebe ist nicht die Rede.

Wohin Aktionismus aufgrund von Orientierungslosigkeit und Existenzangst führt, wissen wir, wenn wir betrachten, was im 20. Jahrhundert zum zweiten Weltkrieg geführt hat.

Populistische Politiker nutzen jetzt, ebenso wie damals, die seit Jahren wachsende Orientierungslosigkeit und Ängstlichkeit ungebildeter oder wenig gebildeter, mutloser Menschen auf der ganzen Welt aus. Sündenböcke sind immer schnell gefunden, Verschwörungs-Theorien machen sich breit. Alternative Weltenmärchen werden gesponnen und ermutigen ihre Anhänger. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen in solch märchenhaften Fahrwassern die faschistischen Diktatoren Europas, einer nach dem anderen, an die Macht. Hinter ihnen, gut getarnt, machte  die kapitalistische Wirtschaftselite gute Geschäfte. Im Krieg zuerst, und nach der Zerstörung des Krieges im Wiederaufbau großer Teile Europas, entstand die Idee eines Wunders: des „Wirtschaftswunders“, Basis der Mythen, alles Wirtschafts-Mythen, unserer neuen Zeit.

Die bereits im Berichten von Think-Tanks ab den 1970er Jahren vorausgesagte Entwicklung auf unserer Erdoberfläche ist eingetreten. Das Klima-Chaos, der vorausberechnete Anstieg der Meeresspiegel, die hemmungslose Überbevölkerung, die unbedachte Übernutzung der auf diesem Planeten natürlich vorhandenen Ressourcen.

Wir sind mitten in einer Pandemie namens Covid-19. Auch die Politiker, nicht nur die Wissenschaft und das Gesundheitswesen, sind überfordert. Jeder einzelne Mensch ist im Moment überfordert, das Kollektiv ist überfordert. Welche Geschichten vom Leben sollen wir einander erzählen? Was ist mit der Liebe, der Fürsorge, der Hingabe? Die erwünschte Sicherheit ist nicht mehr vorhanden.

Hier finde ich, sollte die Leserin dieses BLOGS innehalten und kurz überlegen: „Glaube ich, dass alles, was uns bedroht, individuell und als Gruppe, „kontrollierbar“ sein muss oder es je war?

Wichtige Begriffe in den Medienberichten sind seit Monaten „die Sterblichkeit“, sogar „Über-Sterblichkeit“, die bei den meisten Menschen Angst auslösen. Angst können wir in einer solchen Situation überhaupt nicht gebrauchen! „Die Sterblichkeit“ kommt mit dieser Virus-Krankheit in das Leben der Konsumgesellschaft, so als wären wir durch diesen Virus plötzlich und zum ersten Mal damit konfrontiert, dass jeder von uns sterblich ist, anfällig für Krankheit und Tod. Auch hier möchte ich die Leser dieses BLOG kurz dazu anregen, darüber nachzudenken, ob sie irgendjemanden kennen, der vor 150 Jahren geboren wurde und noch immer lebt?! Reich, arm, Könige, Nonnen, Filmstar oder Politiker, Bergbauern, Seefahrer, Juwelenhändler, Mörder, Einsiedler, gute Menschen, schlechte Menschen, alle sind bei ihrer Geburt mit einem gesegnet: der 1000% Gewissheit, dass sie sterben werden. Dieses unkontrollierbare Grundrecht, Teil unserer Geburt, untilgbarer Teil unseres Mensch-Seins ist es, den Zeitpunkt des eigenen Todes nicht zu kennen. Das aus dem Leben einer Gesellschaft kollektiv auszublenden ist bizarr. Doch es ist notwendig, denn Menschen die sich ihrer Sterblichkeit immer bewusst sind, werden ihr kostbares und begrenztes LEBEN wahrscheinlich nicht einfach vergeuden. Und wahrscheinlich auch nicht die kostbare Erde, auf der sie leben.

Verbirgt sich auch etwas noch Unbedachtes in dieser neuen Viruserkrankung? Trägt die Befürchtung von Politik und Gesellschaft „das Gesundheits-System“ könnte „an den Anschlag kommen“,  trägt die Angst man müsste Menschen zu Hause oder in ihren Zimmern in Altersheimen sterben lassen, ein Geheimnis, eine noch unentdeckte Wahrheit über unsere momentane Situation in sich? Ich versuche, hier weiter zu forschen:

Wie viele Jahrhunderte unserer Menschheitsgeschichte sind die Regierungen europäischen Staaten bereits verantwortlich für die Gesundheit und Krankheit, für das Leben jedes Einzelnen? Ich will an dieser Stelle kurz an unsere gemeinsame  Menschheitsgeschichte erinnern, die hunderttausende von Jahren, die bereits hinter uns liegen. Mit Kommunikation und im Austausch untereinander haben wir Menschen schon sehr lange auf der Erdoberfläche gelebt.

Zu Beginn der Industrialisierung, vor etwa 300 Jahren, waren es die Unternehmer, die für ihre Belegschaft kleine Häuser zur Verfügung stellten, damit diese vom Land in die Kleinstadt oder Stadt zur Lohnarbeit zogen. Mildtätige kirchliche Einrichtungen gab es für Notleidende und Kranke – sonst waren für die Not die Großfamilien zuständig.

Im Laufe der Entwicklung von Big Business haben sich die Unternehmen zu einem großen Teil der Verantwortung für ihre Mitarbeiter und die Mitwelt, in der sie Reichtum erwirtschaften, entledigt. Die Ausbeutung durch Kolonialismus will ich hier nur kurz erwähnen. Seit etwa 150 Jahren ist nun vor allem der Staat für Menschen und Mitwelt zuständig und verantwortlich. Nur so konnten die großen Betriebe ungestört von ethischen Überlegungen auf Gewinnmaximierung wirtschaften. Sie hatten ihre Verantwortung an die Politiker weitergereicht. Besonders krass wurde diese Entwicklung speziell Ende des 20. und im 21. Jahrhundert, wo der Aktienwert einer Firma für alle sichtbar und vollständig von der Verantwortung für Ethik, die Mitwelt und ihre Bewohner abgekoppelt wurde. Nun führt er, scheinbar getrennt von der Realwirtschaft, ein Eigenleben, das übrigens, wie das Virus auch, außerhalb unserer Kontrolle liegt, aber darüber wird nicht gesprochen.

Es scheint mir, dass wir alle gemeinsam, Wissenschaftler, Bauern, Politiker, Ärzte, Hedge-Fund Manager, Fahrrad-Boten, Firmendirektorinnen, Lehrerinnen, Kinder, Mitwelt, Tierwelt, gerade an die Grenzen unserer bekannten Möglichkeiten kommen und uns die Situation, in die unsere Gesellschaft und jeder Einzelne sich befindet, vorübergehend entgleitet. Es ist meine Entscheidung, ob ich mich in dieser Extrem-Situation entspanne und den Ort der Liebe in mir aufsuche, oder ob ich ins Schattenreich wahnwitziger Ideen absinke.

Wir haben keine Schöpfungsmythen für die moderne Welt in der wir heute leben. Da wir Menschen aber auch Schöpfungsmythen brauchen wird ein solcher Mythos immer, wenn im letzten Jahrzehnt alles zusammenzubrechen droht, wieder erzählt, und zwar von multinationalen Konzernen, Banken, Politikern, Medien: dass wiralle nur und ausschließlich von diesem momentanen westlichen Wirtschaftssystem profitieren können. Ist es in Gefahr, sind wir alle in Gefahr. Daher müssen wir es bis zur Selbstverleugnung unterstützen – echte Helden eben. Mitgefühl und Liebe sind für Weicheier, die nichts von der Welt verstehen. Wer diese Geschichte nicht miterzählt ist entweder Verräter oder naiver Hohlkopf. Wenn alle erkennen würden, dass dieser Mythos nicht für das Wohlbefinden von uns Menschen gemacht ist, dass wir uns seit geraumer Zeit in einer globalen Wirtschaftskrise befinden, hätte sich dieses Narrativ unseres Wohlstandes ohne Preis selbst ad absurdum geführt. Großbanken und Fluglinien erhalten in Europa immer wieder Milliarden an „Rettungsgeldern“, die sie nur sehr teilweise in den großen Steuer-Topf eingezahlt hatten, mit der Begründung „unser System würde sonst zerfallen und zu viele Arbeitsplätze verloren gehen“. Doch Widerspruch regt sich, regt sich schon lange.

Diejenigen, die von diesem Narrativ unserer Welt profitieren, könnten bald dastehen wie der nackte Kaiser im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“.

Was wäre wenn wir unsere gegenwärtige Geschichte neu erzählten? Ich fange im Kleinen an, mit einigen wenigen Menschen. So wie ich es im «Pilgerweg heim» und in «Bonsai»versucht habe. Was ist, wenn wir alle unsere Geschichte neu erzählen? Der Sozial-Philosoph Charles Eisenstein hat in seinen Büchern vorgeschlagen, uns selbst eine neue Geschichte der Menschheit zu erzählen: Abstand zu nehmen von der alten Geschichte des Mangels, in der jeder versuchen muss, so viel wie möglich für sich zu ergattern.

Meine Aufgabe als Künstlerin sehe ich seit Jahrzehnten, und auch in meinem neuen Projekt «Freundschaft Genossin» darin, einfache Erzählungen einer utopischen Gesellschaft zu finden, des bewussten Miteinanders in einer liebevollen Welt, in der eigentlich für alle genug vorhanden ist – außer für die Unersättlichen.

Wie erzählen?

15.10.2020 Allgemein Keine Kommentare

Im Blog vom September habe ich über meinen Rückzug an einen wilden Ort in der Südtoskana berichtet. Der Roman BONSAI ging in Produktion, ich hatte noch kein neues Projekt begonnen. Auch einen der Gründe für den Rückzug habe ich genannt: ich wollte in meinem Zustand der Ratlosigkeit verweilen. Nicht mehr genau zu wissen, wo und wie ich in unserer momentanen historischen Situation – an der Grenze des wirtschaftlich möglichen Wachstums – mich selbst wiederfinde. Wie gehe ich in meinem Alltag mit den Begrenzungen durch den  Covid-19 Virus um?

Ich wollte sehen, ob Inspiration, ob Neues in mein Leben tritt, wenn ich still verweile. Für diejenigen, die mit Kontemplation nicht vertraut sind, kann ich es mit einem anderen, vielleicht geläufigeren Bild beschreiben: Zu sitzen wie eine Jägerin und darauf warten, dass das Beutetier sich zeigt. Auch wollte ich einer offenen Frage betreffend die Kunst nachgehen, die mich beschäftigt:

Wie kann ich, wie können wir einander, Anfang des 21. Jahrhunderts noch einfach Geschichten erzählen? Ich bin überzeugt davon, dass sie nötig sind, doch ich frage mich: wie erzählen?!

In den vergangenen Wochen war ich sehr viel allein. Ich hatte einfache Begegnungen mit Tieren, mit Menschen, mit Freunden, mit mir selbst. Das Beobachten der Schafherde, die jeden Morgen  mit den Hirtenhunden an unserem Haus vorbeizieht, hat mir ebenso die Kraft zur Veränderung gegeben, wie der grosse Himmel und die wilden Gewitter – und natürlich meine Meditations-Praxis des tibetischen Buddhismus.

Ich hatte endlich Zeit ein Buch zu lesen, das schon längere Zeit auf dem Stapel meiner ungelesenen Bücher lag: Charles Eisenstein: «Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich».

Was mich an der Herangehensweise des US-amerikanischen Ökonomen und Philosophen Charles Eisenstein interessiert ist, dass er unsere Welt, die moderne wie die archaische, als von den Geschichten abhängig beschreibt, die wir über sie/diese Welt/uns selbst erzählen. Er teilt unsere kollektive Weltsicht, auch die der Geschichtsschreibung, ein in eine «Geschichte des Getrennt-Seins» (unser Geschichtsverständnis der letzten 2000 Jahre) und in eine Geschichte des «Interbeings» (des voneinander abhängigen Erscheinens der Phänomene), in dem sich alles als mit allem verbunden herausstellt.

Was immer wieder aus dem Erzählten und Reflektierten in diesem Buch hervorkommt, ist, dass er unser/mein/sein Verständnis der Welt abhängig macht davon, welche Art der Geschichte wir – uns selbst und einander – von einem bestimmten Ereignis erzählen. Und vor allem auch, mit welcher Absicht und wie wir uns unser Leben selbst erzählen.

Dieser Ansatz ist für mich sowohl als politischen Menschen, wie auch als Geschichtenerzählerin sehr inspirierend und passt zu meiner buddhistischen Weltsicht. Sicherlich hat der Autor auch Inspiration in der der buddhistischen Philosophie gefunden, wie viele andere unserer zeitgenössischen Wissenschaftler.

Aus der Inspiration dieser Lektüre ergaben sich verschiedene neue Sichten für mich, die ich hier gerne teilen möchte:

Indem ich eine Geschichte auf meine neue Art erzähle, als Heilung und der Nahrung für die Menschen auf diesem Planeten, trage ich direkt zu einer neuen Geschichts-Erfahrung der LeserInnen bei. Es hat mich gestärkt mir vorzustellen, dass meine Geschichten, dass die Mühe, die es mir manchmal bereitet, etwas so zu schreiben, das für mich relevant ist, auch diese Art von Früchten tragen wird. Die Erzählstränge werden, wie Fäden in eine Weberei, eingeflochten sein in eine grössere Erzählung, von uns Menschen. Es wird eine Erzählung sein, die ich jetzt noch nicht kenne, die wir aber alle dringend benötigen.

 

Schliesslich habe ich für mich, im Verlaufe der letzten Wochen, einen neuen Zugang zu meiner Arbeit und der Gabe des Schreibens gefunden:

«Ich schreibe lebenswichtige Nahrung für Menschen. Meine Geschichten sollen guter Proviant sein für alle diejenigen, die aufbrechen, in neue Zeiten.»