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Karin Koppensteiner 07.03.2022 Allgemein Keine Kommentare
“Wahrheit ist ein Konzept und relativ», sagte der bekannte chinesische Künstler Ai Weiwei, anlässlich seiner kürzlich in Cambridge eröffnete Einzelausstellung «The Liberty of Doubt».

Portrait, verändert
Schreibe ich Lügen?
Als Kunstschaffende bewege ich mich sehr viel im Reich imaginierter oder zerlegter und neu zusammengesetzter Wirklichkeiten.
Manchmal fragen mich LeserInnen, ob es das Ziegental am Grünen See tatsächlich gibt und ich sage, nein, oder ob der Ort «Mondez» aus Bonsai real sei und ich antworte, dass ich die letzten 20 Jahre oft im Unterengadin war, Mondez aber ein erfundener Ort ist. Genau hier, in der zwielichtigen Zone zwischen «erfunden und erfunden» möchte ich mit meinem BLOG-Beitrag diesmal ansetzen.
Ich erlaube mir bei meiner Kunstarbeit Welten zu erschaffen. Die Eigenschaften von drei Menschen, die ich kenne, in eine Figur zu verwandeln und diese in ihrer neuen «Realität» zu begleiten und zu beobachten, wie sie sich weiterentwickelt. Es gibt in diesen gewebten Welten der Kunstarbeit Sackgassen und wunderbare Ausblicke, wie in der Realität auch. Doch keine meiner Figuren, oder auch die Handlungen der ersten zwei Teile der Trilogie «Pilgerweg heim», erheben Anspruch auf Wahrheit. Und doch sind sind sie auch nicht Unwahrheit. Sie sind Spiel, spontan entstandenes Gewebe einer Kunstwelt, die sich immer und immer wieder neu auflöst und neu erschafft. Oder?
Wo beginnt die Wahrheit? Und wo endet sie?
In diesem BLOG Beitrag spare ich auch die gesamte Diskussion der buddhistischen Philosophie zum Thema «Illusion» aus, sonst wird der Beitrag noch länger, als er ohnehin schon ist.
Im letzten Jahr habe ich manchmal Schwierigkeiten mit einem einfachen Wort. Es liegt an der Basis unserer westlichen Ethik und unseres menschlichen Zusammenlebens: «Wahrheit». Will ich in diesen letzten Monaten sagen: „Das ist wahr“, halte ich manchmal inne. „Wahr für wen?“. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in welcher Wahrheit und Lüge klar verschieden und getrennt voneinander waren, zwei Begriffe, die ich als Kind unterscheiden lernte. Wer log war ein Lügner.

Zürich, Wasser
Auf der Suche nach Wahrheit und ihrem Ende
Waren es die erfundenen Gräuel-Geschichten zu den Wahlen in den USA 2017 oder über die Covid-19 Pandemie, die meine feste Vorstellung einer gesellschaftlichen Wahrheit erschütterten? Jeden Monat, in welchem die Aggressivität im Narrativ in den sozialen Medien anstieg, während mir offensichtliches und auch vertuschtes Lügen als «die Wahrheit» im Internet begegneten, stieg ein zuerst nur ein vages Unwohlsein auf.
Es war im ersten Lockdown aufgrund der Covid-19 Pandemie, März 2020: Niemand wusste wirklich Bescheid über den neuen Virus, sein Verhalten, den Krankheits-Verlauf. Wir waren gerade aus Kathmandu heimgekehrt in die Schweiz. Viel Zeit verbrachte ich mit Kontemplation und viel Zeit in meinem idyllischen Büro. Wir waren die ersten im Dorf, die zu langen Spaziergängen aufbrachen, ganz allein auf Wald und Flur. Natürlich habe ich, wie fast alle, täglich im Internet recherchiert. Zum Faktencheck las ich die online Version einer Schweizer Tageszeitung, und folgte der wöchentlichen Pressekonferenz des schweizer Bundesrates am Mittwoch nachmittags per Live-Stream. Viele Neuigkeiten fand ich im Internet. Es interessierte mich vor allem, woher diese Panik der Regierungen in den ersten Wochen der Pandemie kam. Ich hatte bereits im Februar in Asien im Fernsehen die bestürzenden Bilder der Maßnahmen in den Megastädten Chinas gesehen: wie Raumfahrer bekleideten Arbeiter, die die Häuser, und sogar die Gehwege desinfizierten. Menschen, die im 15. Stockwerk wochenlang eingeschlossen bleiben mussten. Warum sollte dieses Virus so viel schlimmer sein als andere, ähnlich Viren? Im Verlauf des Frühlings hatte ich dann auf Youtube lange Interviews angesehen. Ich versuchte mir ein Bild zu machen. Ursprünglich schien die Ursache ein «Lab-Leak», ein Laborunfall im gemeinsam von Chinesen und US-Amerikanern geführten Versuchslabor in Wuhan, China zu sein. Etwas, was früher oder später passieren musste, hieß es schon seit Jahrzehnten, weshalb diese Art von Experimenten in Europa und kurz davor auch in den USA verboten worden waren. War jetzt der Moment gekommen? Wurden wir mit einer von Menschenhand manipulierten Viruskreation angesteckt?

Zürich, Wasser
Oder waren wir von einer Biowaffe bedroht? Nicht nur ich, wir alle hatten viele offene Frage. Wir durchlebten eine zuvor nicht bekannte Zeit der Unsicherheit. Zumindest wurde uns plötzlich bewusst, wie einsam und ausgeliefert sich viele von uns in der westlichen Welt fühlten, obwohl im Internet vernetzt.
Während meiner stundenlangen Recherchen im Internet tauchten spontan Informationen auf, die ich eigentlich gar nicht suchte. Ich folgte einige Zeit Sendungen eines besorgten Virologen, wo Fragen aufwarfen, die er nicht beantworten konnte und die Angst schürten. Nicht sehr hilfreich in einer Situation, die ohnehin schon völlig unklar war. Angebliche Fachleute füllten das Internet mit ihren Meinungen von Tag zu Tag schneller. Bei genauerer Betrachtung (als Ex-Journalistin weiß ich, wo ich nachhaken könnte), fand ich immer wieder hinter deren Facebook-Seite nicht die Ärzte, als die sich auf ihren kommerziellen, und, notabene bezahlten, Facebook-Seiten ausgaben.
Freunschaft, Genossin!
Als Studienobjekt kreierte ich ein Kunst-Experiment. Meine im März 2020 geschaffene kommerzielle Facebook-Seite «Freundschaft Genossin» wurde ausser den ersten Abonnenten niemals auf irgendeiner Timeline gezeigt – da ich dafür ja nicht bezahlte. Doch dieses Experiment vertiefte die Unruhe, mit der ich ab dann am gleichnamigen dritten Teil der Trilogie schrieb – ohne Wahrheit und ohne Lüge.
Ich hörte Youtube-Erzählungen über den Virus, den Lockdown, den Krankheitsverlauf, die teilweise bizarr und wie aus einem Horror-Science-Fiction-Film klangen, aber ganz bieder und überzeugt vorgetragen wurden – als «Wahrheit».
Diese «Wahrheiten» erinnerten mich an Bücher aus dem wandfüllenden Regal in einem Esoterik-Buchladen in Zürich, wo ich meine japanischen Räucherstäbchen kaufe. Dort hatte ich in den letzten Jahren schon ab und zu Bücher mit teils extrem reißerisch gestalteten Umschlägen zum Thema «Die Verschwörung gegen die Menschheit» angesehen. Es gab dort viele dutzende solcher Bücher. Schon auf dem Buchumschlag konnte ich verschiedene Szenarien erkennen, in welchen eine Gruppe von «Bösen» das Ende der Menschheit plant und herbeiführt. Diese Literatur erschreckte mich, als ich sie zum ersten Mal zur Kenntnis nahm – ich fand sie auch irgendwie belustigend. „Ist das die neue Horror-Science-Fiction Abteilung?“, fragte ich den Buchhändler. Ich glaubte, das sei etwas für eine kleine Gruppe von Weltuntergangs-Gläubigen, wie es sie seit Jahrhunderten gibt.
Das Lügen ist keine neue Erfindung
Ihre Wiedergänger fand ich während der Covid-19 Pandemie als Protagonisten zahlreicher Websites im Internet wieder. Da erst fühlte ich mich alarmiert. „Sind diese Geschichten alle erfunden, und wenn ja, von wem?“ Und: „Wer profitiert davon, wenn Teile der Bevölkerung diese Wahnsinnsgeschichten glauben?! Politiker? Eine düstere Sekte?“

Zürich, Wasser
Nirgendwo bei meiner Recherchen im Reich der superkritischen, lauten und teils hysterisch klingenden Beiträge über die «Verschwörungs-Ideen» fand ich jemanden, der auf die Probleme einging, die seit Jahrzehnten unsere Mutter Erde immer weiter unbewohnbar machen. Und die, als Folge von Überbevölkerung und globalisierter, entfesselter Wirtschaft, eine Pandemie sehr wahrscheinlich machten. Nirgendwo gab es einen Hinweis darauf, was ein einzelner Mensch Positives tun könnte, um die schwierige ökologische oder ökonomische Situation zu heilen und zu meistern. Es schien nur um Macht – und um Ohnmacht zu gehen. Überall in diesen Szenarien herrschte ein bösartiger, anklagender Tonfall.
Ich hatte begonnen Artikel von Covid-19 Zweiflern, Virus-Fachpersonen und Ärzten, die mir dubios vorkamen zu recherchieren – um an deren Quelle zu gelangen. Beispiel aus dem Jahr 2020: Eine «Praxis Dr. Helga», die kommerzielle Seite einer Ärztin auf Facebook, verbreitete haarsträubende Theorien, deren Wortwahl auf den ersten Blick nicht mit Medizin zu tun hatten. Ich verfolgte die Person durchs Internet, fand eine ähnlich klingende Praxis für Heilmassage in einem österreichischen Provinzstädtchen – mit dem Foto derselben Person. Manche «Mediziner», die die Pandemie bestritten und stattdessen eine Verschwörung dahinter vermuteten, hinterließen keine Spuren, die ich hätte zurückverfolgen können. Was aber geschah war, dass ich im Internet und besonders auf Facebook täglich immer mehr solcher Artikel und Webseiten präsentiert bekam. Ich war in eine der Echokammern der Internet-Welt geraten. Sofort hörte ich auf, solche Seiten auf Facebook anzuklicken. Erst nach einigen Wochen kehrte Friede in die Timeline meine Facebook Seite und auf Youtube ein. Außerdem sperrte ich einige Seiten, zum Beispiel deutschsprachigen russischen Medien.
Frisch aus der Troll-Farm! Noch mehr Wahrheit
Erst spät in meiner Recherche erfuhr ich mehr über die sogenannten „Troll-Farmen“, die gezielt tausende von kommerziellen Seiten mit aufwühlendem Inhalt ins Facebook setzen oder massenhaft Kommentare weiterleiten. Man könnte sie als Internet-Falschmeldungs-Industrie bezeichnen, für mich eine fremdartige und bizarre Aktivität. Bringt das Geld? Zum Beispiel die Wählerschaft in den USA wird offensichtlich seit Jahren mit absichtlich gestreuten Falschmeldungen manipuliert – was auch zum Sturm auf das tagende Parlament in den USA am 6. Januar 2021 geführt hatte. Ebenfalls geschehen vor Donald Trumps erstem Wahlsieg als Präsident. Damals gab es in der Folge parlamentarische Untersuchungen, die direkt nach Russland führten. Doch die Troll-Farmen wuchsen weiter. Ich glaube, sie leben von der Naivität der meisten Menschen, dass sie doch niemand belügen würde, oder?

Zürich, Wasser
Nicht weil Kobolde und Trolle im Internet ihr Unwesen treiben heißt der «Troll» im Wort «Troll-Farm» so. Zugrunde liegt der englische Begriff für eine bestimmte Art des Fischens: man zieht den Köder lange Zeit immer vor den Fischen her, bis einer anbeißt – das heißt „trolleying“. Auf Troll-Farmen werden zahllose falsche Internet-Identitäten erschaffen. Diese verbreiten auf verschiedenartigen, auch kommerziellen Facebook oder Internet-Seiten schockierende Nachrichten: «die Wahrheit». Alles andere ist «Lüge». Reißerische News werden so erfunden oder aufbereitet, dass sie sich direkt an die, nennen wir sie «archaischen Teile» des menschlichen Gehirns wenden, Alarm oder Abscheu erzeugend. Wenn ein Impuls in diesem Teil unseres Gehirns verarbeitet wird, muss es schnell gehen. Da zählt die Wahrheit nicht mehr, es regieren die (bewährten) Instinkte im Fall von Gefahr: Flucht oder Kampf oder Totstellen.
Als ich das alles klarer vor mir sah, konnte ich auch die verschiedenen Demonstrationen, Kundgebungen und das seltsame Welttheater während der ersten Phase der Pandemie besser einordnen. Wir waren weltweit gemeinsam in einer unverständlichen Situation, die uns alle überforderte. Die meisten Regierungen reagierten entsprechend ihrer jeweiligen politischen Kultur. Sie waren ausserdem auf ihre beratenden Fachleute angewiesen, die oft auch nicht genau wussten, was als nächstes kommen würde, oder die sich verschätzten. Manche dieser Wissenschaftler waren nicht hilfreich.
Es dauert nun bereits mehr als zwei Jahre, dass offener Unfrieden herrscht zwischen Verwandten und ehemaligen guten Freunden, dass Feindschaft in politischen Lagern stärker wird, dass brutaler Umgang miteinander immer öfter die neue Normalität ist. TROTZDEM nimmt das Lebensgefühl der Unsicherheit immer weiter zu.
Wie schon im letzten BLOG geschrieben: „Wir haben keine Normalität mehr, in die wir zurückkehren können!“ Wir konnten noch nie in die Vergangenheit zurückkehren.
Strategeme und Listen
HEUTE, wenige Tage nachdem der Krieg zwischen Russland und der Ukraine begann, verstehe ich die Troll-Farmer-Taktik besser: „Destabilisiere deinen Gegner von innen, bis Menschen nicht mehr mit anderen Menschen reden wollen, bis alles von unwiderruflichem Misstrauen durchzogen ist. Streue Unsicherheit, Lügen, und Ängste aus, schwäche die Menschen und ihre Regierungen – bis die Gesellschaft am Rande des Nervenzusammenbruchs steht.“
Hier sind wir!
Karin Koppensteiner 04.02.2022 Allgemein Keine Kommentare

Cornell (14), der jüngste im Camp und Piet (18), sein älterer Bruder – diese Beiden gibt es schon längere Zeit in der Dramaturgie von «Freundschaft Genossin», dem Roman, an dem ich gerade schreibe. Ihre «Figuren» habe ich bereits handschriftlich notiert und immer wieder ergänzt. Beispielsweise: „Cornell ist ein überbegabter Schulversager, kann noch nicht wirklich lesen. Er ist fast durchscheinend, hellhäutig, blond, schlaksig, hat riesige helle Augen, ist der jüngste im Camp. Er verlässt seine Welt des „Gamens“ für einige Salatpflanzen im Gemüsegarten. Dort findet er nachts den Vollmond und wird zum Poeten.“ Für ihn habe ich die Geschichte „Erzählung unter dem Regenmond“ geschrieben – meine Homage an den japanischen Regisseur Kenji Migoguchi.
Weitere Figuren sind ebenfalls schon Teil der Geschichte: «Tai», zum Beispiel, wurde von einer gesichtslosen jungen Frau (18) innerhalb eines Kapitels zu einer lebendigen Figur, die in der Folge die Geschichte mitbestimmte. Sie erzählt Adelheid einmal in einem Kapitel von ihrer Mühe beim abendlichen Zusammenkommen der «Klima-CamperInnen» im Seehotel und entpuppt sich dabei als weitgereistes junges Mädchen mit wilder Natur und dem tiefen Leiden eines vaterlosen Teenagers.
Der Text «Freundschaft Genossin» soll im Februar schnell weiterwachsen. Ich habe lange genug experimentiert, nun ist es Zeit, zu handeln – in diesem Fall: zu schreiben. Einige Geschichten sind zwar schon als Ideen oder Notizen vorhanden, aber noch nicht fertig geschrieben oder zu wenig ausgearbeitet.
In den letzten Tagen wollte ich mich aus diesem Grund endlich wieder «der Exel-Datei» zuwenden und die bereits aufgetauchten Figuren der «Klima-CamperInnen am See» festschreiben. Von denjenigen, die bereits Namen hatten, kannte ich bereits teilweise die Statur, Haarfarbe, Augenfarbe, falls nicht, überlegte ich, versuchte mir die Figur vorzustellen. In eine weitere Rubrik der Datei schreibe ich kurze Angaben zu bereits bekannten Charakter-Eigenschaften, eine weitere mit der Geschichte der Figur und Eigenheiten.
In der Datei ging ich auch die Figuren durch, die ich aus dem ersten Teil der Trilogie «Der Pilgerweg heim», erschienen 2015, kopiert und übernommen hatte. Ich las aufmerksam, was die speziellen Merkmale von – beispielsweise – Franco sind. Ich hatte seine „Adlerschnabel-Nase“ vergessen, aber nicht seine Art, sich oft wie ein Komiker zu bewegen, und auch nicht seine Herzensgüte. Er wird in diesem dritten Teil der Trilogie einige Jahre älter sein – ich rechnete nach – ist er zur Zeit 75? Als ich diesen Teil der Arbeit beendet hatte, kam der nächste Schritt, der etwas Mut benötigte. Meine Aufgabe war es, noch einige Figuren zu erfinden, damit eine heftigere Dynamik entstehen kann, oder Wellen, auf denen ich die Geschichten fertig schreiben kann.
Zu Beginn des Projekts «Freundschaft Genossin», 2020, hatte ich mir die jeweils zehn am meisten verwendeten Vornamen, sowohl männliche wie weibliche, aus einem Namensregister der Geburten aus den Jahren von 1999 – 2003 herausgesucht.
Aus dieser Liste wollte ich vorgestern Vormittag noch einige Namen für die Figuren auswählen, die noch schemenhaft und zum Teil namenlos waren. Die also noch ein Schattendasein fristeten, noch nicht wirklich ihren Auftritt gehabt hatten, in «Freundschaft Genossin!»
Zu Lili und Joshua, die, ebenso wie die oben erwähnten drei schon eigene Geschichte (im Buch) geschrieben hatten, suchte ich nun die dramaturgisch passenden:
Leila, Tai’s kleine Schwester kommt mit deren Mutter Brigitte und der Grossmutter «JoNonna» nur gelegentlich aus der Stadt an den See. Martin und Rosmarie sind Figuren aus dem «Pilgerweg heim». Sie suche ich in der kopierten alten Exel-Datei, verändere die Altersangaben. Sie haben drei Kinder, nur von einem weiss ich noch den Namen: Heidi. Die anderen beiden finde ich in der Datei – Altersangaben ändere ich. Sie sind die Familie Biobauern auf dem Hof, der in der Nachbarschaft des «Seehotels» ist. Dort, bei ihnen wohnen und arbeiten in einem Bergbauern-Projekt Freiwillige den Sommer über: einer heisst nun Finn – er ist ein ausgestiegener Landschaftsgärtner, ein körperlich starker junger Mann in den Zwanzigern. Die zweite Freiwillige auf dem Hof ist Lili, eine unzufriedene Biologiestudentin, die zu Albträumen neigt und gerne in die Felsen klettern geht. Sie hat bereits ein ganzes Kapitel für sich bekommen. Lili hat «Die letzte Geschichte» erzählt. Die ist mir gut gelungen.
Am Ende des Vormittags hatte ich ein Trüppchen neu Erfundener vor mir und war erleichtert.
Die neu benannten und erst kürzlich mit dem Fleisch der Eigenschaften versehenen Figuren heissen: Klara, Greta, Ida und Daniel. Damit die Geschichte von den Kids im Klima-Camp am Grünen See nicht zu sehr ins mittelständische Idyll abgleitet (soweit in diesen Pandemie-Zeiten noch irgendwo ein Idyll verortet werden kann), ist Greta, 20, arbeitende Botanik-Studentin, Tochter von italienischen Einwanderern und Daniel ist 17, Kantonsschüler, ein strebsamer, stiller Sohn bosnischer Einwanderer, beide «mit dem Auftrag beladen, es später besser zu haben».
Ich freue mich schon auf die Arbeit mit all den neuen Charakteren – die nächste Woche werde ich Überstunden machen, so viel auf einmal fällt mir ein. Die neue Dynamik der Geschichte ist – was die vielen Ideen betrifft – bereits im vollen Gang. Es ist wie Tauchgang in klarem Wasser.
Karin Koppensteiner 06.12.2021 Allgemein Keine Kommentare
«Wer schweigt, macht sich mitschuldig.»

«Tränendes Herz»
Fast zwei Jahre lang habe ich mich zu Covid-19 öffentlich nicht geäussert. Auch privat habe ich, nach einigen unangenehmen Erfahrungen mit Bekannten, dieses Thema aus dem Gespräch möglichst ausgeklammert. Es war mir auch peinlich, welch bizarre Dinge manche Menschen erzählten, über die Pandemie und die Welt. Erschreckt haben mich die unhaltbaren Videos und Facebook-Beiträge, die ich zugesendet bekam und die meiner journalistischen Recherche nicht standhalten konnten.
Vor einigen Tagen habe ich meine Meinung zum Schweigen bezüglich Covid-19 geändert. Und das kam so:
An einem dunkler Abend Anfang Dezember telefonierte ich via Internet-Telefonie mit meiner Freundin Zara. Wir hatten uns, auch wegen Covid-19, lange nicht getroffen. Es war schon etwas spät, 21.00. Ich sass im Luzerner Bergland in meiner warmen Arbeitskammer im Lehnstuhl. Zara ist seit Monaten auf einer kleinen kroatischen Insel im Mittelmeer, in ihrem Ferienhaus. Sie sass in der Küche und sagte gleich anfangs es gehe ihr eigentlich gut, aber – «Ich kann nicht nach Wien zurück» – dort aber lebt sie. In Österreich ist im Moment «Lockdown». Obwohl die Ärztin sei, sagte Zara gleich zu Beginn, verstehe sie immer weniger, was es mit dieser «Plandemie» (!) auf sich habe. «Oh, je!», dachte ich. Auf solchen «Insider-Jargon» der Verschwörungsphantasten und ImpfgegnerInnen reagiere ich mittlerweile innerlich stark mit Abwehr. Zara will sich nicht gegen Covid-19 impfen lassen. Seit kurzem hat sich ihre Weigerung etwas abgeschwächt, sie hofft auf baldige Zulassung eines der Tot-Impfstoffe. Nun aber kommt der Winter, die Weihnachtszeit: «Wenn ich nach Wien reisen will, kann ich dann später nicht mehr weg. Denn in Wien wird auf alle Fälle auch weiterhin Lockdown für nicht Geimpfte sein!» Zaras Zorn schwappte unüberhörbar durch den Lautsprecher. Ich spürte, wie sich mein Magen langsam verkrampfte. Ich spürte auch die Enge ihres momentanen Lebens, wie sehr sie sich isoliert hat, die Ausweglosigkeit.
An diesem Abend habe ich mich auf eine «Impf-Diskussion» eingelassen, eigentlich rutschte ich mehr hinein, fragte nach, hörte zu, sagte meine Meinung. Auch warum ich mich hatte impfen lassen:
Den Begriff «Wir» wollte ich in die Diskussion einbringen. «Wir Menschen haben weltweit ein gemeinsames Problem: das Virus». «Wir versuchen doch alle gemeinsam, jede auf ihrem Platz, uns in dieser Pandemie zurecht zu finden, uns zu informieren, zu überleben, dabei dürfen wir aber auch die anderen Menschen nicht vergessen!» Dieser Versuch ein «Wir» mit Zara zu finden, in das Boot einer alten Freundschaft zurückzukommen, ein «Wir Menschen, alle gemeinsam» für uns in diesem Gespräch aufzubauen, zerschellte in den Wellen von Anklagen, auch gegen mich.
Eineinhalb Stunden später war ich völlig zermürbt von Zaras Welt. Ich verstand nicht, wie eine weit gereiste Ärztin eine solche enge Weltsicht von «Schuld sind nur die anderen» hatte annehmen können, anstatt zu sehen, dass das Virus, dass die weltweite Pandemie unser Problem ist. Eine tiefe Kluft entstand zwischen uns, und ich versuchte sie nicht mehr schönzureden. Ich war genervt und dachte: «Warum sind die alle nur so selbstgerecht?» Ich baute an der Kluft, die sich auftat, kräftig mit.
«Diese Kluft», sie verläuft ja mittlerweile durch die ganze Gesellschaft, war nun zwischen Zara und mir. Ich hatte diesen Graben ebenso aufgerissen, wie Zara. Denn schon während des Gesprächs dachte ich einmal: «Mit so jemandem will ich eigentlich keinen weiteren Kontakt mehr haben!» Dieser Gedanke verstörte mich, machte mich in der Nacht kurz schlaflos, ich diskutierte im Traum weiter, hoffte auf eine Lösung. Jedoch war jede Diskussion ergebnislos. Am darauffolgenden Morgen war ich nachdenklich, traurig, ratlos. «Wird der Austausch zwischen Menschen, wie wir ihn jetzt kennen, bald eine Seltenheit werden?»
Meine Motivation, mich impfen zu lassen, war ursprünglich nicht nur mich zu schützen, sondern beizutragen, dass die Pandemie weltweit weniger dramatisch werden könnte. Ob’s stimmt, werden wir erst später erfahren, und wie auch immer es ist, niemand ist schuld!
Mein erster Impftermin war am 1. Mai. Besser hätte ich meine Solidarität mit den vielen Menschen, die weniger gute Voraussetzungen als wir hier in der Schweiz haben, was Gesundheitssystem und Unterstützung im Krankheitsfall betrifft, nicht ausdrücken können. Fand ich zumindest. Ich hoffte, damit einen Beitrag zu leisten, dass möglichst wenige Menschen wegen Covid-19 leiden müssten. Ich hatte mit meinem ganzen Körper, und nach Recherchen über mrna Impfstoffe und reiflicher Rücksprache mit meinem Herzen, auf ein «Wir Menschen» gesetzt. Und ich würde es wieder tun!
Zusatz:
Mir ist noch wichtig hinzuzufügen, dass ich mich seit mehr als vierzig Jahren fast ausschliesslich homöopathisch behandeln lasse. Ich gehe zu Allgemeinmedizinern, die auch Komplementär-Medizin anwenden. Ich kenne die Theorie der Immunisierung durch Erkrankung und würde mich nicht impfen lassen, wenn es nicht unbedingt notwendig ist.
Dieser BLOG ist eigentlich der Entstehung meines neuen Buches «freundschaft genossin» gewidmet. Nachdem ich diesen Blog-Beitrag geschrieben hatte, habe ich mich entschieden, auch in dem Buch noch viel konkreter über die diversen Sichtungen in der Pandemie zu schreiben.
Karin Koppensteiner 14.01.2021 Allgemein Keine Kommentare
Die BLOGBEITRÄGE über die «Kunst zu leben -Kurse» sind beendet. Ab Februar beginne ich mit einem BLOG-EXPERIMENT: Ich werde die Entstehung des nächsten Buches mehrmals monatlich in BLOG-BEITRÄGEN dokumentieren. Bevor ich mit diesem BLOG in eine neue Phase übertrete, möchte ich mir aber noch einiges von der Leber schreiben:

«Menschen-Liebe» als Motivation das Schwierige auszuhalten.
Elf Monate haben wir nun Pandemie-Alarm». Diese Pandemie immer noch von den wirtschaftlichen, sozialen und ethischen Bedingungen, in denen sie entstanden ist, abgetrennt zu betrachten führt in Orientierungslosigkeit. Vorübergehende Orientierungslosigkeit und Unsicherheit auszuhalten, gehört zum Repertoire einer stabilen Psyche. Doch nun dauern die schwierigen Zeiten an, sind nicht mehr «eine Krise», sondern immer mehr «etwas Unbekanntes». Ich schaue mich um und nehme Angst, Unsicherheit, Schuldzuweisungen ohne Ende wahr, von Liebe ist nicht die Rede.
Wohin Aktionismus aufgrund von Orientierungslosigkeit und Existenzangst führt, wissen wir, wenn wir betrachten, was im 20. Jahrhundert zum zweiten Weltkrieg geführt hat.
Populistische Politiker nutzen jetzt, ebenso wie damals, die seit Jahren wachsende Orientierungslosigkeit und Ängstlichkeit ungebildeter oder wenig gebildeter, mutloser Menschen auf der ganzen Welt aus. Sündenböcke sind immer schnell gefunden, Verschwörungs-Theorien machen sich breit. Alternative Weltenmärchen werden gesponnen und ermutigen ihre Anhänger. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen in solch märchenhaften Fahrwassern die faschistischen Diktatoren Europas, einer nach dem anderen, an die Macht. Hinter ihnen, gut getarnt, machte die kapitalistische Wirtschaftselite gute Geschäfte. Im Krieg zuerst, und nach der Zerstörung des Krieges im Wiederaufbau großer Teile Europas, entstand die Idee eines Wunders: des „Wirtschaftswunders“, Basis der Mythen, alles Wirtschafts-Mythen, unserer neuen Zeit.
Die bereits im Berichten von Think-Tanks ab den 1970er Jahren vorausgesagte Entwicklung auf unserer Erdoberfläche ist eingetreten. Das Klima-Chaos, der vorausberechnete Anstieg der Meeresspiegel, die hemmungslose Überbevölkerung, die unbedachte Übernutzung der auf diesem Planeten natürlich vorhandenen Ressourcen.
Wir sind mitten in einer Pandemie namens Covid-19. Auch die Politiker, nicht nur die Wissenschaft und das Gesundheitswesen, sind überfordert. Jeder einzelne Mensch ist im Moment überfordert, das Kollektiv ist überfordert. Welche Geschichten vom Leben sollen wir einander erzählen? Was ist mit der Liebe, der Fürsorge, der Hingabe? Die erwünschte Sicherheit ist nicht mehr vorhanden.
Hier finde ich, sollte die Leserin dieses BLOGS innehalten und kurz überlegen: „Glaube ich, dass alles, was uns bedroht, individuell und als Gruppe, „kontrollierbar“ sein muss oder es je war?
Wichtige Begriffe in den Medienberichten sind seit Monaten „die Sterblichkeit“, sogar „Über-Sterblichkeit“, die bei den meisten Menschen Angst auslösen. Angst können wir in einer solchen Situation überhaupt nicht gebrauchen! „Die Sterblichkeit“ kommt mit dieser Virus-Krankheit in das Leben der Konsumgesellschaft, so als wären wir durch diesen Virus plötzlich und zum ersten Mal damit konfrontiert, dass jeder von uns sterblich ist, anfällig für Krankheit und Tod. Auch hier möchte ich die Leser dieses BLOG kurz dazu anregen, darüber nachzudenken, ob sie irgendjemanden kennen, der vor 150 Jahren geboren wurde und noch immer lebt?! Reich, arm, Könige, Nonnen, Filmstar oder Politiker, Bergbauern, Seefahrer, Juwelenhändler, Mörder, Einsiedler, gute Menschen, schlechte Menschen, alle sind bei ihrer Geburt mit einem gesegnet: der 1000% Gewissheit, dass sie sterben werden. Dieses unkontrollierbare Grundrecht, Teil unserer Geburt, untilgbarer Teil unseres Mensch-Seins ist es, den Zeitpunkt des eigenen Todes nicht zu kennen. Das aus dem Leben einer Gesellschaft kollektiv auszublenden ist bizarr. Doch es ist notwendig, denn Menschen die sich ihrer Sterblichkeit immer bewusst sind, werden ihr kostbares und begrenztes LEBEN wahrscheinlich nicht einfach vergeuden. Und wahrscheinlich auch nicht die kostbare Erde, auf der sie leben.
Verbirgt sich auch etwas noch Unbedachtes in dieser neuen Viruserkrankung? Trägt die Befürchtung von Politik und Gesellschaft „das Gesundheits-System“ könnte „an den Anschlag kommen“, trägt die Angst man müsste Menschen zu Hause oder in ihren Zimmern in Altersheimen sterben lassen, ein Geheimnis, eine noch unentdeckte Wahrheit über unsere momentane Situation in sich? Ich versuche, hier weiter zu forschen:
Wie viele Jahrhunderte unserer Menschheitsgeschichte sind die Regierungen europäischen Staaten bereits verantwortlich für die Gesundheit und Krankheit, für das Leben jedes Einzelnen? Ich will an dieser Stelle kurz an unsere gemeinsame Menschheitsgeschichte erinnern, die hunderttausende von Jahren, die bereits hinter uns liegen. Mit Kommunikation und im Austausch untereinander haben wir Menschen schon sehr lange auf der Erdoberfläche gelebt.
Zu Beginn der Industrialisierung, vor etwa 300 Jahren, waren es die Unternehmer, die für ihre Belegschaft kleine Häuser zur Verfügung stellten, damit diese vom Land in die Kleinstadt oder Stadt zur Lohnarbeit zogen. Mildtätige kirchliche Einrichtungen gab es für Notleidende und Kranke – sonst waren für die Not die Großfamilien zuständig.
Im Laufe der Entwicklung von Big Business haben sich die Unternehmen zu einem großen Teil der Verantwortung für ihre Mitarbeiter und die Mitwelt, in der sie Reichtum erwirtschaften, entledigt. Die Ausbeutung durch Kolonialismus will ich hier nur kurz erwähnen. Seit etwa 150 Jahren ist nun vor allem der Staat für Menschen und Mitwelt zuständig und verantwortlich. Nur so konnten die großen Betriebe ungestört von ethischen Überlegungen auf Gewinnmaximierung wirtschaften. Sie hatten ihre Verantwortung an die Politiker weitergereicht. Besonders krass wurde diese Entwicklung speziell Ende des 20. und im 21. Jahrhundert, wo der Aktienwert einer Firma für alle sichtbar und vollständig von der Verantwortung für Ethik, die Mitwelt und ihre Bewohner abgekoppelt wurde. Nun führt er, scheinbar getrennt von der Realwirtschaft, ein Eigenleben, das übrigens, wie das Virus auch, außerhalb unserer Kontrolle liegt, aber darüber wird nicht gesprochen.

Es scheint mir, dass wir alle gemeinsam, Wissenschaftler, Bauern, Politiker, Ärzte, Hedge-Fund Manager, Fahrrad-Boten, Firmendirektorinnen, Lehrerinnen, Kinder, Mitwelt, Tierwelt, gerade an die Grenzen unserer bekannten Möglichkeiten kommen und uns die Situation, in die unsere Gesellschaft und jeder Einzelne sich befindet, vorübergehend entgleitet. Es ist meine Entscheidung, ob ich mich in dieser Extrem-Situation entspanne und den Ort der Liebe in mir aufsuche, oder ob ich ins Schattenreich wahnwitziger Ideen absinke.
Wir haben keine Schöpfungsmythen für die moderne Welt in der wir heute leben. Da wir Menschen aber auch Schöpfungsmythen brauchen wird ein solcher Mythos immer, wenn im letzten Jahrzehnt alles zusammenzubrechen droht, wieder erzählt, und zwar von multinationalen Konzernen, Banken, Politikern, Medien: dass wiralle nur und ausschließlich von diesem momentanen westlichen Wirtschaftssystem profitieren können. Ist es in Gefahr, sind wir alle in Gefahr. Daher müssen wir es bis zur Selbstverleugnung unterstützen – echte Helden eben. Mitgefühl und Liebe sind für Weicheier, die nichts von der Welt verstehen. Wer diese Geschichte nicht miterzählt ist entweder Verräter oder naiver Hohlkopf. Wenn alle erkennen würden, dass dieser Mythos nicht für das Wohlbefinden von uns Menschen gemacht ist, dass wir uns seit geraumer Zeit in einer globalen Wirtschaftskrise befinden, hätte sich dieses Narrativ unseres Wohlstandes ohne Preis selbst ad absurdum geführt. Großbanken und Fluglinien erhalten in Europa immer wieder Milliarden an „Rettungsgeldern“, die sie nur sehr teilweise in den großen Steuer-Topf eingezahlt hatten, mit der Begründung „unser System würde sonst zerfallen und zu viele Arbeitsplätze verloren gehen“. Doch Widerspruch regt sich, regt sich schon lange.
Diejenigen, die von diesem Narrativ unserer Welt profitieren, könnten bald dastehen wie der nackte Kaiser im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“.
Was wäre wenn wir unsere gegenwärtige Geschichte neu erzählten? Ich fange im Kleinen an, mit einigen wenigen Menschen. So wie ich es im «Pilgerweg heim» und in «Bonsai»versucht habe. Was ist, wenn wir alle unsere Geschichte neu erzählen? Der Sozial-Philosoph Charles Eisenstein hat in seinen Büchern vorgeschlagen, uns selbst eine neue Geschichte der Menschheit zu erzählen: Abstand zu nehmen von der alten Geschichte des Mangels, in der jeder versuchen muss, so viel wie möglich für sich zu ergattern.
Meine Aufgabe als Künstlerin sehe ich seit Jahrzehnten, und auch in meinem neuen Projekt «Freundschaft Genossin» darin, einfache Erzählungen einer utopischen Gesellschaft zu finden, des bewussten Miteinanders in einer liebevollen Welt, in der eigentlich für alle genug vorhanden ist – außer für die Unersättlichen.
Karin Koppensteiner 19.09.2020 Allgemein Keine Kommentare
In den letzten Monaten habe ich keinen Tagebuch-Kurs mehr gegeben. Doch ich habe einen Roman zu Ende geschrieben, der bald publiziert sein wird. Deshalb habe ich beschlossen, mich auch in diesem BLOG für neue Themen zu öffnen.
Seit langer Zeit gebe ich hier Ratschläge und Tipps zum autobiographischen und dem Tagebuch schreiben. Der Blog war nicht nur für die Teilnehmenden an meinen Kursen gedacht, sondern für alle am Tagebuchschreiben Interessierte.
Nun will ich das Thema wechseln.
Deshalb habe ich mich für einen Monat in unser winziges Häuschen mitten in der Wildnis der Süd-Toskana zurückgezogen. Ich sehe viel mehr Tiere hier als Menschen, Tiere aller Art.
Vom ländlichen Bauernhof in Schongau in die Wildnis eines Hochtales im Naturschutzgebiet des Monte Labro ist ein grosser Schritt. Natur ist nicht gleich Natur. Wildschweine, Wölfe, Stachelschweine, Hirsche und Skorpione – als Nachbarschaft – sind sie mir wenig vertraut. Das trockene, karstige Bergland, die Schafherden, Esel, die wenigen Blüten, viele Stacheln. Diese Wildnis hier nicht nur zu ertragen, sondern mich in sie hineinbegeben, das ging langsam. Nachts sitze ich nun draussen und schaue ins Universum. Im Ohr habe ich ein Gewebe aus Zikaden-Klang und dazwischen sind die Solisten: Grillenlieder.
«Bonsai», zweiter Band einer Trilogie über das Älterwerden, Utopie des Herzens und die Wiedergeburt des Glücks, ist fertig geschrieben und lektoriert und wird gerade gelayoutet. Das Buch und das Hörbuch sollen beide Anfang November erscheinen. Ich habe etwas vollendet, ich lasse los. Jetzt ist Zwischenzustand, Stille, Alleinsein.
Bevor ich weiter schreibe will ich innehalten, mich nach Innen wenden, mich aufs Spiel setzen, nachfragen im Universum meiner Träume.
Mir ist beim Schreiben während der Corona-Pandemie wieder eine dringliche Frage aufgetaucht, nicht zum ersten Mal: Wie kann ich, wie können wir einander, Anfang des 21. Jahrhunderts noch einfache Geschichten erzählen? Ich bin überzeugt davon, dass sie nötig sind, doch ich frage mich: wie?!
2020 hat mich an die Grenze des klar Erzählbaren gebracht, zu viele Schichten schienen aufeinander zu kleben:
Der Lock-Down im vergangenen Frühling war ein entscheidender Rückzug für viele von uns. «Es war wie Weihnachtsfeiertage ohne Ende», so beschrieb es eine Bekannte kürzlich, «alles und alle kamen zur Ruhe, es wurde ganz still in der Stadt – wochenlang». Der Grund, war tragisch: die Covid -19 Pandemie verursachte und verursacht noch immer weltweit Angst, Leiden und viel Unsicherheit. Gleichzeitig also erlebten wir im März Gegensätzliches: «Gefahr im Verzug = Adrenalinspiegel hochfahren und Kampf- oder Flucht- Mechanismus einschalten» und «Einkehr = Herzrhythmus und das vegetative Nervensystem runterfahren, Stille». Wir mussten uns über Monate hinweg einem – auch körperlichen – Paradox stellen, das fast ohne Ausweichmöglichkeit ist. Wer meditieren kann, war dafür gut vorbereitet.
Die innere und äussere Stille, die ich persönlich pandemiebedingt zwischen März und Juni erlebte, war etwas, das ich lang ersehnt hatte. Ich empfand eine Entspannung in der Unsicherheit, die ich mir so nie zu wünschen gewagt hätte. Ich sollte zu Hause bleiben, ich sollte zu allen Menschen Abstand halten, ich sollte ruhig sein und mich entspannen, ich durfte nicht reisen, durfte nicht ins Ausland. Auch Familienbande schienen in der Gesellschaft nicht mehr wichtig, auch nicht, wenn es ans Sterben ging.
Von Außen betrachtet verlief mein Leben ähnlich wie sonst auch. Am Morgen machten wir gemeinsam eine Stunde Meditations-Praxis. Mein Atelier/Büro liegt direkt neben dem Wohnhaus. Ich arbeitete dort weiter wie immer. Zu Mittag traf ich meinen Mann in der Küche zum Essen, abends dachten wir gemeinsam über die Welt nach oder durchsuchten das Internet nach Information zur Orientierung über Gesundheit, Politik, Wirtschaft und Philosophie. Nach sechs Wochen erlebte ich eine zunehmende Abwehr gegen die widersprüchlichen Informations-Fluten.
Unser Gemüsegarten wurde in diesem Frühling intensiver bepflanzt wie in den Jahren davor. Wir gingen öfter als sonst in den Wald wandern. Ich backte mehr Kuchen als sonst. Virtuelle Zoom-Räume kam als Treffpunkt auf, wir sassen mit vollen Weingläsern vor dem Computer am Küchentisch und prosteten Menschen zu, die weit entfernt oder in anderen Ländern waren, teilten Ängste, Informationen und Sorgen. Das kleine Kamera-Auge oberhalb des Bildschirms wurde zu einem Tor in die (Cyber-) Welt.
Auf die Zeit im Ausnahmezustand folgte die herannahende ungewisse Zukunft, schwebend wie ein Ballon manchmal, oder schwer wie ein Kampfbomber aus Beton, je nach Weltsichten, die sich, wieder über Internet, überall hereindrängten.
Offen und überwältigt – so möchte ich meinen Zustand der letzten Monate beschreiben.
Und dieses Lebensgefühl der Überwältigung zog sich auch in die Kunst-Arbeit hinein.
Wie, bitte wie, soll ich schreiben? Im Internet-Stil, whatsapp Nachrichten gleich? Soll ich nur noch Meinungen und Gegenmeinungen schreiben? Welche Geschichten kann ich noch erzählen, wenn Fake-News als gelungenes Stilmittel zum vervollkommnen einer Lügengeschichte daherkommen? Was tun, wenn Videos so perfekt gefälscht werden können, dass es nicht mehr auffällt. Wann bin ich «modern»?
Was ist anders, wenn ich eine Geschichte erfinde? Wie schreiben, wenn Sprache fast nur noch zur Manipulation verwendet wird? Wie kann ich mir in Zeiten der 20 Sekunden Aufmerksamkeits-Spanne eines Lesers für einen Text die Naivität leisten, eine Geschichte von Utopien zu erzählen, vom Glauben an die Realität der Welt? Und das über Stunden?
Ratlosigkeit kann eine grossartige Ressource sein.
Meine Dzogchen Praxis ist eine Kraftquelle, die mir dabei hilft, nicht immerzu ins Beurteilen der Weltlage und auch nicht meiner eigenen Ratlosigkeit zu verfallen. Gegensätzliche Welten, ich kann euch ertragen!
Heute sitze ich am Küchentisch in dem kleinen Haus in der Toskana, wohin ich mich zurückgezogen haben, um freiwillig ratlos zu sein und mich in Kontemplation zu üben.
Ich weiss, es ist ein Luxus, den ich auch meinem Alter zu verdanken habe. Doch, weil ich mir die Ratschläge noch nicht ganz abgewöhnt habe: Ich kann nur allen Menschen, denen es möglich ist, raten, sich ratlos, liebevoll mit sich selbst und anderen und mit offenem Herzen zurückzuziehen. Wo auch immer die laute Stille der Wildnis ist, geh dort hin, übe dich in Meditation, empfinde die Freiheit des Augenblicks.
Karin Koppensteiner 15.04.2020 Allgemein Keine Kommentare
Als die grosse Welle der Corona-Pandemie über die Welt flutete
habe ich mich, wie viele Menschen, bereit dazu oder nicht, notgedrungen oder freiwillig – zurückgezogen. Da ich seit vierzig Jahren (meist) im Home-Office arbeite hatte ich keine grossen Umstellungsschwierigkeiten, was das Arbeiten betrifft. Der offensichtlich gewordene, deutlich unübersichtliche Zustand der Welt hat mich erschüttert. Angesichts der vielen Theorien und Schuldzuweisungen wollte ich mich vorübergehend öffentlich nicht mehr äussern. Mein Alltag wurde immer einfacher im selbstgewählten inneren Rückzug. Tägliche Meditation-Sitzungen haben mein Herz erleichtert und geöffnet. Ich habe die Zeit des ersten Frühlings benutzt, um ein jahrelang beinahe fertiges, immer wieder liegengebliebenes Projekt zu Ende zu bringen.
Der Roman BONSAI. WILDNIS DER ALPEN von Karin Koppensteiner ist nun beendet. Ich bin in regem Austausch mit der Lektorin via WhatsApp und E-Mail für letzte und vielleicht wichtige Änderungen. Guten Tag Welt, ich bin zurück!

Einfach Sein
