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Karin Koppensteiner 12.01.2022 Allgemein Keine Kommentare
Es begann etwa 1975. Als junge Filmstudentin in Westberlin lieh ich mir Bücher und Schallplatten in der Bibliothek aus. Als ich für meinen ersten Dokumentarfilm recherchierte, entdeckte ich in den Sommerferien in Wien die kühle Lesehalle der Österreichischen Nationalbibliothek. Ich verbrachte viele Wochen dort, mit Blick auf den Burggarten. Damals waren es noch Zettelkasten, nicht Computersuchmaschinen, mit denen ich Themen suchte und fand – und immer mehr! Ich benutzte damals die Schubladenschränkchen mit den Archivkarten auf denen Themen und Stichwörter aufgetippt waren. So fand ich Zugang zu den teils sehr alter Bücher, die, bestellt, jeweils am nächsten Tag für mich zum Lesen vor Ort bereit lagen. Ich glaube, damals habe ich mich zum ersten Mal «in den Büchern verloren». Anstatt, wie eigentlich geplant, kontinuierlich an dem Film-Projekt weiterzuarbeiten und zu schreiben, las ich tagelang, machte gelegentlich Notizen oder Fotokopien, kam von einem Thema zum nächsten.
In den letzten Winterwochen war mir etwas ganz Ähnliches passiert: «Freundschaft! Genossin», der dritte Band der Trilogie «Der Pilgerweg heim» spielt sich Grossteils in einem umzäunten Gemüsegarten ab. Dort werden Geschichten erzählt. Unterhalb jeder der Geschichten vibriert ein Thema.
Da eine meiner Leidenschaften die Erforschung der Pflanzenwelt ist, gelangte ich über die Lektüre von Büchern immer tiefer in das Phänomen Gaia, jene in sich selbst existierende natürliche Oberfläche unseres Planeten, die sich ständig regeneriert und neu hervorbringt. Im Grenzbereich zwischen Biologie und Philosophie fand ich mich an einem Tag in einer Abenddämmerung lesend wieder, schaute auf, und dachte: «Jetzt hab’ ich mich bald überlesen» – und es fühlte sich ein klein wenig so an, wie zu viel Sachertorte auf einmal gegessen zu haben – Moment der Überfülle! Ideen anderer, Wörter in verschiedenen Sprachen, Hinweise, Zitate von Texten aus anderen Jahrtausenden. Lynn Margulis, Timothy Morton, Emanuele Coccia, Philosophie, Evolution, Pflanzenleben, Bakterien, Fashion Changers – das Gebiet ist breit und dehnt sich in alle Richtungen weit aus
Ein kleines Lob auf das «Objekt Buch» will ich hier noch anfügen. Bücher haben mich mein ganzes Leben begleitet. Oft fand ich entscheidende Hinweise auf Lebensfragen in Büchern. Aber auch im Gespräch mit belesenen Menschen sind mir neue Fenster aufgegangen. Ich habe nie zum elektronischen Buch gewechselt. Den Luxus, meine Zeit mit einem Buch – oder einem Stapel Büchern – einer Teekanne und einer Tasse Tee an einem Wintertag lesend (und auch Notizen machend) zu verbringen, möchte ich in meinem Alltag nicht missen.
Ich höre oft das Argument, man hätte doch immer weniger Zeit zum Lesen. Lesen ist für mich eine Gewohnheit, die ich aufgeben und mir auch wieder angewöhnen kann. Etwas weniger Zeit für etwas anderes aufgewendet, bedeutet dann, eine halbe Stunde lesend, mit einem Buch, zu verbringen. Mache ich das täglich, ist es nach einigen Tagen keine Frage mehr, ob ich eine Stunde Zeit zum Lesen finde.
Einige der Bücher, die ich in den letzten Wochen und Monaten gelesen, oder teilweise gelesen habe, zeigen die Fotos. Diejenigen des Philosophen Byung-Chul Han und «Interbeing» von Thich Nhat Han fehlen hier, sie habe ich schon in älteren Blogbeiträgen vorgestellt. Nun werde ich wieder mehr schreiben.


ÜBRIGENS: unterhalb dieses Blogbeitrags befindet sich der unterstrichene Text: Vorheriger Artikel. Draufgedrückt – geht es rückwärts ins Archiv der Blog-Beiträge bis hin zum allerersten – Anfang Januar 2015.
Karin Koppensteiner 09.11.2019 Allgemein Keine Kommentare
Beim autobiografischen und beim Tagebuch-Schreiben kann es sein, dass wir uns sehr stark nach Innen wenden, uns vor allem auf uns selbst beziehen. Für einige Zeit kann das gut sein, doch ab einem bestimmten Punkt scheint es mir wichtig, sich als Schreibende auch als Teil einer größeren Welt zu erkennen.
In der philosophischen Betrachtungsweisen des Buddhismus gibt es ein gutes Beispiel, wie wir uns davor bewahren können, eine Situation zu stark durch die eigene Brille zu betrachten:
Ich bin für viele verschiedene Menschen immer jemand anderer –Tochter meiner Eltern, Mutter meiner Kindern, Schwester dem Bruder, Geliebte, Geschäftsfrau, Ehefrau meinem Mann, Großmutter den Enkeln, Nachbarin, Cousine, Politikerin, beste Freundin, Feindin. Wie kann ich also mit Sicherheit sagen, dass ich nur «eine Mutter» bin oder einfach «die Feindin», oder nur und ausschließlich «Tochter»?
Jeder Einzelne von uns ist einer von 7 Milliarden Menschen auf diesem schönen Planeten Erde. Jeder von uns begegnet seiner Welt auf ganz eigene Art und Weise.
«Ich bin die Augen meiner Welt!» bedeutet, sich des vielschichten Universums der Gedanken und Wahrnehmungen bewusst zu sein, in dem wir leben. Das ist nicht nur für das Schreiben wichtig.
Die Übung «Commons» im Kurs «Selbstausdruck als Quelle der Kraft» soll mithelfen, diese Vielfalt offen zu integrieren.
Karin Koppensteiner 15.07.2019 Allgemein Keine Kommentare
«Mein Wahrnehmen» – es geschieht in einem vielschichtigen Prozess, der mit Lernen, Erziehung und Lebenserfahrung zu tun hat. Seit langem schon gibt es Theorien und Philosophien über Wahrnehmung und Sprache. Man denke nur an Wittgenstein, zum Beispiel. Um Sprache zu prozessieren benötigen wir einen menschlichen Körper, Bildung und Ausbildung des Gehirns, funktionierende Nervenzellen, Training, einen Wortschatz und trotzdem – es erscheint mir manchmal wie ein Wunder: Ich sehe einen Aprikosenbaum voller Früchte, die orangefarben, oval, in Blättern versteckt am Holz des Baumes hängen. Danach kann ich das aufschreiben, doch zuerst ist direktes Wahrnehmen.

Im letzten Winter habe ich die Welt oft farblos erlebt, misstönig und stumpf, ohne wundern, die Farben schon etwas abgeschabt. ‚Eine leichte depressive Verstimmung?’ habe ich mich im Februar gefragt, ‚oder Müdigkeit?’ Jetzt – fünf Monate später – lese ich darüber in meinem Tagebuch. Ich sitze an einem Regentag in meiner Juli-Welt. Sie ist in ganzer Vielfalt lebendig vorhanden, einfach, direkt und voller Details wahrnehmbar. Mit allen Sinnen kann ich diese Welt erleben: Gerüche (Viehgülle und Lindenblüten), Temperatur (eher kühl), Geräusche (Stille, gelegentliches Blattrauschen). Der Blick geht aus meinem Atelier durchs schmale hohe Fenster in eine Vielfalt grüner Blätter verschiedener Bäume und Büsche (wilde Pflaume, Haselnuss, Kirschbaum, Holunder, Zwetschkenbäumchen, dahinter Gras).

Hier sind die Farben und Empfindungen des Sommers. Ist es andere Wortwahl als im Winter? Sommerbilder entstehen durch Schrift: das kühle Seewasser auf der Haut beim Schwimmen. Die Wasseroberfläche entlangschauend, mich schwimmend fortbewegend im See. Weithin ist flaschengrün, ich bin darüber, ich bin darin. Ein Moment innerer Stille, noch einer, wohlsein. Schauen ohne sagen, schauen ohne beurteilen. War es so, als ich ein Kind war? Ich kenne dieses wortlose Schauen von meinen Meditations-Sitzungen. Dann ist Eigenraum um jede Erscheinung, Ding, Wort, Gedanken, Traum. Wie gestern über den flaschengrünen Wellen des Halwilersees.
Radikale Übung zum Ausprobieren in den Sommerferien: Nimm den Dingen ihre Wörter weg. Gib dem, was du wahrnimmst nicht sofort und automatisch einen Namen/Etikett. Verzögere das Einordnen der wahrgenommenen Dinge. Versuche sie nicht auf Anhieb zu verstehen und einzuordnen. Sei einfach da und nimm direkt wahr, DAS WAS JETZT IST! Und dann schreib darüber!
Im Frühling, bei einem Spaziergang am Erusbach, habe ich mit diesem Experiment begonnen: ‚Ich halte im gehen inne, bleibe stehen und schaue. Etwas ist wunderbar violett. ‚Blüten‘, ‚das sind keine Veilchen‘. ‚Es sind Taubnesseln‘. Ich kann nicht mehr zurück, in die wilde Farbe, die ich soeben entdeckte – sobald ich sie mit «Taubnesseln»benenne. Nachdem sie schon ihre vorsprachliche Farbenpalette zu mir hinauf gestrahlt haben, war diese unsprachliche Farbe verloren.‘ Es sind ja nur Taubnesseln?‘
«Doch glühten mir Augenblicke lang im Aprilgras ihre zarten Blüten namenlos wie Orchideen im Urwald.»