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Poet, Kalligrafie, Landschaft

30.04.2021 Allgemein Keine Kommentare

 

Eine neue Figur für «Freundschaft Genossin» taucht auf.

Während ich Skizzen zu einem der Themen des neuen Romans schreibe –  es geht um den verwilderten Gemüsegarten am Grünen See – erscheint spontan und plötzlich eine neue Roman-Figur. Seine poetische Beschreibung einer Regennacht fällt mir auf. Ich schreibe weiter: Es ist eine noch unsichere Stimme, die erzählt. Wer ist er? Er ist noch sehr jung – ich weiss gleich, er wird Cornell heissen. Ich habe im Internet eine lange Liste der gebräuchlichsten Namen zwischen 2000 und 2005 für Jungen und Mädchen angesehen. Dann habe ich je zehn Namen ausgesucht, für meine jungen ProtagonistInnen im Seehotel-Camp, den Klima-Streikern. Der Name Cornell war nicht dabei.

Er heisst also Cornell, sein älterer Bruder heisst Piet, auch dieser Name steht nicht auf der wohl vorbereiteten Liste. Cornells Eigenschaften finden sich langsam ein, im Verlauf eines Tages des Schreibens und bei der Gartenarbeit. Denn bei der Gartenarbeit sinnt ein Teil von mir noch fast unbemerkt der neu gesponnenen Geschichte nach. Ich hatte sofort eine tiefe Sympathie für ihn: Cornell, der mit vierzehn noch immer nicht richtig lesen kann. Cornell, der in der Welt des «gamens» hängen geblieben ist und der doch seine Mitwelt auf eine für sein Alter ungewöhnlich differenzierte Art erlebt. Nun, da er mit seinem älteren Bruder und anderen am See campiert und aus seiner Welt des «gamens» ausgestiegen ist, sitzt er bei Regen am Gemüsebeet, allein, im Dunkeln. Er sitzt verwundert, dann kommt der Mond.

Die Figur des Cornell hat mir das Herz wieder für die Poesie des Schreibens geöffnet. Cornell ist im Moment eine Schlüsselfigur, zumindest für mich, die Schreibende. Er ist das Bindeglied zu den zarten, den schwer einzugrenzenden Erlebnissen in der Natur.

Ich habe mir in einem Teeladen in Zürich ein Buch gekauft. «Zeichen der Stille». Es ist die Autobiographie einer französischen Kunstmalerin. Das Buch ist 2004 in der Schweizer Edition Spuren erschienen. Das nenne ich einen Longseller. Fabienne Verdier reiste im Jahr 1983 als Stipendiatin nach China, nach Chongqing in Sichuan, um Malerei zu studieren. Mit einem Meister, der ihr die, damals in China noch als reaktionär und daher verpönt geltende Kalligrafie fast im Verborgenen lehrte, studierte sie viele Jahre vor Ort.

Ihre Beschreibung der Kunst der Kalligrafie und Landschaftsmalerei der chinesischen Poeten beleuchtet hell und ganz unvorbereitet meine eigene Art zu arbeiten, wie ich sie beim Romanschreiben der Trilogie entwickelt habe.

Ruhe, Rückzug, dann tiefes Erleben einer Landschaft steht für mich am Beginn, im Verlauf der Kunstarbeit wird «Natur» und «Wildnis» zur wichtigen Protagonistin und verwandelt sich gleichzeitig, wird essentiell in den Buchstaben, die Geschichten malen.

Manchmal kommt beim Lesen von « Zeichen der Stille» ein «Aha!»-Moment auf unerwarteten Wegen. Die Lektüre dieses Zeitzeugnisses aus dem China der frühen 1980er Jahre, das als nach der Kulturrevolution innerlich zerbrochen beschrieben wird, ist sehr spannend und wühlt mich auf. Bei den Stellen, wo es um Rollbilder mit kalligrafierter Poesie und Malerei geht, sehe ich meine Arbeit der letzten Jahre in einem anderen Licht: Stille war mir ganz wichtig, die Stille in der Landschaft.

Über ihren alten Kalligraphie-Meister schreibt die Autorin Verdier: «Er zeigte mir Bücher mit alten Landschaftsmalereien. Das Gerüst der Welt und die Essenz des Dunstes wurden durch die Feinheit und die Transparenz der Lavur hindurch sichtbar. Allmählich führte er mich von der Kalligraphie zur Landschaft: ‘Anders als die westliche Landschaftsmalerei ist die chinesische Malerei kein Abbild der uns umgebenden Wirklichkeit. Die Ähnlichkeit interessiert uns nicht; sie ist etwas für vulgäre Geister. Natürlich’, begann Meister Huang von Neuem, ‘gebrauchen auch wir unsere Berge und Täler als Inspirationsquelle, genauso wie die Zeichen der Schrift. Es bleibt eine Beziehung zur Realität bestehen. Diese stellt jedoch nur eine Art Alphabet dar, mit dessen Hilfe wir unsere innere Vision kreieren, den Lebensgeist des Berges oder der Landschaft, die wir darstellen wollen.’»

Vor Kurzem machte ich einen Ausflug an den Walensee. Diese Landschaft, in der ich zu Beginn dieses Jahrtausends viel Zeit verbrachte, war die ursprüngliche Inspiration für das literarische Abbild, die Bergwelt des «Grünen Sees» sowohl im «Pilgerweg heim», als auch, in einer kurzen Episode in «Bonsai». Als ich an diesem kalten Frühlingstag am Walensee ankam, war ich wieder, immer wieder, beeindruckt von der Felswand, welche die Kurfirsten direkt vom See her hoch aufragend bilden. Der See lag ungewöhnlich still, das tiefe Wasser leuchtete in verschiedenen Farben von Saphiergrün bis Flaschengrün unter dem blauen Himmel. Wieder fuhr ich mit dem Fährschiff von Murg hinüber nach Quinten, wie früher sehr oft.

Doch mein «Grüner See», die ideale Landschaft, die aus der Inspiration entstanden war, schien mir nun, mit etwas Abstand von einigen Jahren, farbiger und noch reizvoller als das Original. Für mich könnte der «Grüne See» nun überall in den Alpen sein.

Der von mir geschaffene «Grüne See» im Buch hat sich vom See in der betretbaren  Landschaft getrennt. Er ist zu ein Kunst-Gebilde geworden.

Und das ist gut so. 

 

Am Grünen See

15.04.2021 Allgemein Keine Kommentare


Gestern habe ich zum Arbeiten mein Atelier verlassen und bin für einen Tag an den Grünen See gefahren. In Zeiten der Covid-19 Pandemie bin ich immer seltener unterwegs, doch gestern zog es mich trotz Kälte hinaus. Seit mehr als zwanzig Jahren ist dder Walensee für mich Inspiration. Das Ufer unterhalb der Felsen, die auf dem Foto zu sehen sind, war für viele Jahre Ort für Meditation und Rückzug, auch fürs Schreiben. Ich wollte den Ort wieder aufsuchen, um zu spüren, zu ertasten und zu überlegen, ob ich zur Fertigstellung des dritten Romans der Trilogie vielleicht wieder einige Zeit in Quinten verbringen sollte.

Auch heute wieder kam der Moment von „einfach SCHÖN“!“  Auf der Überfahrt von Murg nach Quinten. Vom Fährschiff gestiegen bin ich in Au. Dort ist noch immer der einzig verwüstet wirkende Ort an diesem Ufer. Dort, wo früher das alte Landgasthaus stand, das abbrannte, weiden Geissen auf dürrem Grund.m Auch sind dort ehemalige und neue Anlegestellen für Boote, die Schiffstation. Ein Miniaturlaster für Wegarbeiten fuhr vom Schotter am Ufer hinauf für Arbeiten auf dem Wanderweg.  An diesem Platz war ursprünglich das „Seehotel“ angesiedelt. Ich schaue, fotografiere, bemerke, dass das Ufer an dieser Stelle kleinräumig ist, sich erst weiter nördlich wieder öffnet, sich einen Hang hinaufzieht, Richtung Felsen, neue Bäume und Sträucher sind gewachsen.

Schon beim Gehen am anderen Ufer wurde ich wieder von der überwältigenden Anwesenheit von Fels und Wasser, dem Schutz, den ich dort empfinde. Auch die Freude an einem autofreien Ort zu sein, das Geräusch des Wassers und erste Grillen auf einem steilen und sonst noch fast grünlosen Weinberg.

Ich spürte die Nahrung der Felsengöttin, die ich schon länger vermisste.

Auf einem warmen Stein sitzend, im Windschatten eines größeren Felsen sitzend Mittagessen: Humus & ein Weggli. Phu Erh Tee aus der Thermoskanne.

 

Auf den See hinaus schauen, direkt auf Fels am Ufer sitzend. Das Geräusch des Wasser auf den Steinen – vertraut, doch auch ein Sehnsuchtstauchen in der Vergangenheit. Erinnerung an Zeiten, als ich früher hier schrieb. „Der Pilgerweg heim“ wurde in einer Hütte hier am See begonnen und zehrte von vielen Wochen des Aufenthalts am Felsufer – bereits in den Jahren davor. Mittlerweile bin ich mit meiner Arbeit aber auch als Person sesshaft geworden, zu Hause angekommen. Auch was meine Arbeit betrifft bin ich am Liebsten in meinem Atelier, ich muss nirgendwo hin, um den dritten Teil der Trilogie zu beenden. Trotzdem, das spüre ich an diesem Nachmittag mehrmals, sind einige Plätze Kraftorte für mich. So richtig bemerkte ich das erst in den Träumen der auf meinen Ausflug folgenden Nacht, als ich wieder zu Hause in Schongau war.

Während ich bei der Überfahrt mit dem Fährschiff die Hänge bis hinaus zu den Felsen betrachtete, die noch Schnee bedeckten Einschnitte, auf denen auch einige Bäume wachsen, vielleicht hinter Felsen kleine, fast unerreichbare Täler versteckt liegen, erinnerte ich mich, wie viel Inspiration und Kraft hier gefunden hatte. Ich habe diese Erfahrung angenommen und eine ideale, eine wunderbare Landschaft, vor allem im „Pilgerweg heim“ daraus gemacht. Eine wiedererzählte Landschaft voller Zeichen und Medizin. Diesen hier – den realen, sich über über wenige Kilometer hinstreckenden Hügeln unterhalb der Felsberge – fehlt der Zauber, die Magie, den sie in meinen Büchern haben. Und das ist auch gut so.

 

«Freundschaft Genossin» ist ein neuer Roman an dem ich schreibe. In diesem BLOG will ich mehrmals pro Monat über meine Arbeit am Text berichten.