Poet, Kalligrafie, Landschaft
Eine neue Figur für «Freundschaft Genossin» taucht auf.
Während ich Skizzen zu einem der Themen des neuen Romans schreibe – es geht um den verwilderten Gemüsegarten am Grünen See – erscheint spontan und plötzlich eine neue Roman-Figur. Seine poetische Beschreibung einer Regennacht fällt mir auf. Ich schreibe weiter: Es ist eine noch unsichere Stimme, die erzählt. Wer ist er? Er ist noch sehr jung – ich weiss gleich, er wird Cornell heissen. Ich habe im Internet eine lange Liste der gebräuchlichsten Namen zwischen 2000 und 2005 für Jungen und Mädchen angesehen. Dann habe ich je zehn Namen ausgesucht, für meine jungen ProtagonistInnen im Seehotel-Camp, den Klima-Streikern. Der Name Cornell war nicht dabei.
Er heisst also Cornell, sein älterer Bruder heisst Piet, auch dieser Name steht nicht auf der wohl vorbereiteten Liste. Cornells Eigenschaften finden sich langsam ein, im Verlauf eines Tages des Schreibens und bei der Gartenarbeit. Denn bei der Gartenarbeit sinnt ein Teil von mir noch fast unbemerkt der neu gesponnenen Geschichte nach. Ich hatte sofort eine tiefe Sympathie für ihn: Cornell, der mit vierzehn noch immer nicht richtig lesen kann. Cornell, der in der Welt des «gamens» hängen geblieben ist und der doch seine Mitwelt auf eine für sein Alter ungewöhnlich differenzierte Art erlebt. Nun, da er mit seinem älteren Bruder und anderen am See campiert und aus seiner Welt des «gamens» ausgestiegen ist, sitzt er bei Regen am Gemüsebeet, allein, im Dunkeln. Er sitzt verwundert, dann kommt der Mond.
Die Figur des Cornell hat mir das Herz wieder für die Poesie des Schreibens geöffnet. Cornell ist im Moment eine Schlüsselfigur, zumindest für mich, die Schreibende. Er ist das Bindeglied zu den zarten, den schwer einzugrenzenden Erlebnissen in der Natur.
Ich habe mir in einem Teeladen in Zürich ein Buch gekauft. «Zeichen der Stille». Es ist die Autobiographie einer französischen Kunstmalerin. Das Buch ist 2004 in der Schweizer Edition Spuren erschienen. Das nenne ich einen Longseller. Fabienne Verdier reiste im Jahr 1983 als Stipendiatin nach China, nach Chongqing in Sichuan, um Malerei zu studieren. Mit einem Meister, der ihr die, damals in China noch als reaktionär und daher verpönt geltende Kalligrafie fast im Verborgenen lehrte, studierte sie viele Jahre vor Ort.
Ihre Beschreibung der Kunst der Kalligrafie und Landschaftsmalerei der chinesischen Poeten beleuchtet hell und ganz unvorbereitet meine eigene Art zu arbeiten, wie ich sie beim Romanschreiben der Trilogie entwickelt habe.
Ruhe, Rückzug, dann tiefes Erleben einer Landschaft steht für mich am Beginn, im Verlauf der Kunstarbeit wird «Natur» und «Wildnis» zur wichtigen Protagonistin und verwandelt sich gleichzeitig, wird essentiell in den Buchstaben, die Geschichten malen.
Manchmal kommt beim Lesen von « Zeichen der Stille» ein «Aha!»-Moment auf unerwarteten Wegen. Die Lektüre dieses Zeitzeugnisses aus dem China der frühen 1980er Jahre, das als nach der Kulturrevolution innerlich zerbrochen beschrieben wird, ist sehr spannend und wühlt mich auf. Bei den Stellen, wo es um Rollbilder mit kalligrafierter Poesie und Malerei geht, sehe ich meine Arbeit der letzten Jahre in einem anderen Licht: Stille war mir ganz wichtig, die Stille in der Landschaft.
Über ihren alten Kalligraphie-Meister schreibt die Autorin Verdier: «Er zeigte mir Bücher mit alten Landschaftsmalereien. Das Gerüst der Welt und die Essenz des Dunstes wurden durch die Feinheit und die Transparenz der Lavur hindurch sichtbar. Allmählich führte er mich von der Kalligraphie zur Landschaft: ‘Anders als die westliche Landschaftsmalerei ist die chinesische Malerei kein Abbild der uns umgebenden Wirklichkeit. Die Ähnlichkeit interessiert uns nicht; sie ist etwas für vulgäre Geister. Natürlich’, begann Meister Huang von Neuem, ‘gebrauchen auch wir unsere Berge und Täler als Inspirationsquelle, genauso wie die Zeichen der Schrift. Es bleibt eine Beziehung zur Realität bestehen. Diese stellt jedoch nur eine Art Alphabet dar, mit dessen Hilfe wir unsere innere Vision kreieren, den Lebensgeist des Berges oder der Landschaft, die wir darstellen wollen.’»
Vor Kurzem machte ich einen Ausflug an den Walensee. Diese Landschaft, in der ich zu Beginn dieses Jahrtausends viel Zeit verbrachte, war die ursprüngliche Inspiration für das literarische Abbild, die Bergwelt des «Grünen Sees» sowohl im «Pilgerweg heim», als auch, in einer kurzen Episode in «Bonsai». Als ich an diesem kalten Frühlingstag am Walensee ankam, war ich wieder, immer wieder, beeindruckt von der Felswand, welche die Kurfirsten direkt vom See her hoch aufragend bilden. Der See lag ungewöhnlich still, das tiefe Wasser leuchtete in verschiedenen Farben von Saphiergrün bis Flaschengrün unter dem blauen Himmel. Wieder fuhr ich mit dem Fährschiff von Murg hinüber nach Quinten, wie früher sehr oft.
Doch mein «Grüner See», die ideale Landschaft, die aus der Inspiration entstanden war, schien mir nun, mit etwas Abstand von einigen Jahren, farbiger und noch reizvoller als das Original. Für mich könnte der «Grüne See» nun überall in den Alpen sein.
Der von mir geschaffene «Grüne See» im Buch hat sich vom See in der betretbaren Landschaft getrennt. Er ist zu ein Kunst-Gebilde geworden.
Und das ist gut so.